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    WÜRZBURG

    Lieber Janosch, die Tigerente ist kein Mist!

    Lieber Janosch, wenn wir Ihnen Böses wollten, dann würden wir diesen Brief jetzt auf Tigerentenpapier schreiben, in einen Tigerentenbriefumschlag stecken, noch ein paar Tigerentensticker draufkleben – und Tigerentenbriefmarken gibt es doch sicher auch. So wie es Tigerentenkalender, Tigerententassen, Tigerentenkoffer, Schaukeltigerenten, Tigerentenfahrräder, Tigerentenpullis, Tigerentenkräutertee und Plüschtigerenten zum Schmusen gibt.

    Aber wem schreiben wir das. Und wir wollen ja nichts Böses. Nur, nur . . . naja, gratulieren. Auch wenn Sie das jetzt wahrscheinlich auch nicht so gerne hören. Aber: Happy Birthday, Tigerente! Vor 40 Jahren, ungefähr genau am 15. März 1978, ist das Streifentier zum ersten Mal aufgetaucht. In „Oh, wie schön ist Panama“, Ihrem bis heute berühmtesten Buch.

    Oh, wie schön ist Panama

    Die Legende geht ja so. Sie hatten von ihrem Job als freier Maler, schlechtbezahlter Zeichner und erfolgloser Schriftsteller die Nase voll, packten ihre Tasche, hauten ab nach Ibiza, saßen vor einer Kneipe, tranken zwei Cuba Libre. Und hatten beim zweiten Glas diese geniale Idee: Dass der kleine Bär und der kleine Tiger am Ende einer sehnsuchtsvollen Reise genau da landen, wo sie herkommen. Und es nicht merken, dass sie nicht in Panama sind, sondern wieder daheim. Und es wunderbar finden und glücklich sind. Und das Leben ist schön.

    Lieber Janosch, sie sind berühmt geworden mit dieser Geschichte. „Oh, wie schön ist Panama“ hat die Leser so gerührt, dass sie das Buch kauften und kauften und kauften . . . und sie hatten dann doch Geld, konnten nach Teneriffa ziehen, sich in die Hängematte legen und den Ruf des streitbaren Misanthropen pflegen.

    Zumindest haben Sie das so erzählt, mit dem genialen Gedanken, damals auf Ibiza. Sie haben doch nicht geflunkert, oder?

    Die Tigerente - der treue Begleiter an der Schnur

    Jedenfalls ist Ihnen vor 40 Jahren mit „Oh wie schön ist Panama“ der Durchbruch gelungen, und die „Post für den Tiger“ zwei Jahre später ist dann ja auch in die Millionenauflagen gegangen. Im Zeitalter der Friedensbewegung und des aufkeimenden Ökologiebewusstseins haben der kleine Bär und der kleine Tiger mit ihrer hellen Freude an der Anarchie und an gepflegter Verweigerung einen Nerv getroffen. Aber zum kleinen tüchtigen Bären und dem gemütlichen Tiger gehört halt auch der treue Begleiter an der Schnur, das gestreifte Tier auf Rädern . . .

    „Die Tigerente ist Mist!“, haben Sie in vielen Ihrer wenigen Interviews gesagt und sich gehörig in ihrem muffigen Janosch-Grant geärgert, dass ausgerechnet die Nebenfigur Ihre berühmteste wurde und Frauen mit Tigerenten-Ohrringen herumlaufen. Aber Mist? Finden Sie das wirklich?

    Treuer Freund in allen Lebenslagen

    Lieber Janosch, die kleine Tigerente ist toll! Weil sie zuverlässig irgendwo still und flugunfähig in der Ecke steht oder liegt. Weil sie immer da ist wie ein treuer Freund und man sich freut, wenn man sie entdeckt. Mist ist, dass sie zu einer überstrapazierten Marke wurde und Ihr künstlerisches Werk auf das Holztier reduziert wurde. Wer in den 1980er Jahren und später in Deutschland aufwuchs, konnte den schwarz-gelben Streifen ja gar nicht ausweichen, auf so vielen Gegenständen tauchten sie auf und durchdrangen das Leben. Das Geschäft damit macht die Janosch Film & Medien AG, die Ihnen – haben Sie mal gesagt – nur wertlose Aktien dafür gegeben habe.

    Die Tigerente – ein Paradebeispiel für perfekte Verwertung, für erfolgreiches Merchandising und unerbittliches Ausschlachten. Bis das Schwarz-Gelb irgendwann nur noch nervt . . .

    Viele Bücher ohne markante Streifen

    Erwähnen wir deshalb kurz: Sie haben über 150 Bücher geschrieben, übersetzt in mehr als 30 Sprachen, viele davon für Erwachsene und ohne Streifenmuster. Aber es gibt heute Leute, die die dicke „Zeit“ nur deshalb abonniert haben, damit sie jede Woche einen Wondrak bekommen. Seit fünf Jahren zeichnen sie für das Zeitmagazin eine Antwort auf eine große Frage. Diese Woche zum Beispiel: „Wie merkt man, dass man jemanden liebt?“ Wondrak ist in ihren Antwortbildern der Superstar. Wenn man das sagen darf bei einem Helden, der meist lebensklug gemütlich auf dem Küchentisch herumliegt und sich eine Decke über den Kopf zieht. Zufall, dass der Wondrak eine Latzhose und Pantoffeln mit gelbschwarzen Tigerenten-Streifen trägt? Und wie oft taucht es nicht an der Seite von Wondrak auf, das hassgeliebte Tier auf Rollen.

    Wie merkt man, dass man die Tigerente doch liebt? Lieber Janosch, dieser Brief ist auf weißem Papier geschrieben. Ohne schwarz-gelbe Streifen. Jetzt geht er gleich zu den blaubemützten Briefträgern der Hasenpost. Wir hoffen, dass die Hasen mit den schnellen Schuhen flott sind. Und den letzten Weg übers Meer hinüber zu Ihnen nach Teneriffa übernimmt die Brieftaube der Luftpost, die der kleine Bär und der kleine Tiger zum Glück erfunden haben.

    Fast vergessen: An diesem Sonntag haben Sie selbst Geburtstag. Gibt's zum 87. eine Riesenparty wie für den Tiger?

    Jedenfalls: Herzlichen Glückwunsch!

    Allerbeste Grüße,

    Alice Natter

    Einer bekommt Post! – Der „Samstagsbrief“

    Jede Woche lesen Sie auf der Meinungsseite am Wochenende unseren „Samstagsbrief“. Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Figur des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An eine Person, der wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur. Persönlich, direkt und pointiert formuliert wird der „Samstagsbrief“ sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der „Samstagsbrief“ ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen Samstagsbriefen hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den Samstagsbrief zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.
    Bearbeitet von Alice Natter

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