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    Würzburg

    Samstagsbrief: Ciao Maria, danke für die Kugel Normalität!

    Unsere Autorin merkt gerade, wie zerbrechlich ihre Wirklichkeit ist. Daher ist sie umso dankbarer für kleine Zeichen der Normalität - wie eine Kugel Eis.
    Maria de Vita ist die Chefin des Eisladens und der Cafébar D.O.C. in der Würzburger Innenstadt.
    Maria de Vita ist die Chefin des Eisladens und der Cafébar D.O.C. in der Würzburger Innenstadt. Foto: Thomas Obermeier

    Liebe Maria, ich hätte nie gedacht, wie viel Glücksgefühle ein Blatt Papier an einer Glastür auslösen kann. Fünf Zeilen in knalligem Rot geschrieben. Ich konnte nicht anders, als breit zu grinsen.

    Es war vergangene Woche, der fünften seit der Ausgangsbeschränkung, und wie so oft bin ich nach dem Einkaufen durch die Würzburger Dompassage an deinem Café vorbeigelaufen. Habe einen flüchtigen Blick in die leeren Räume geworfen, in denen sich sonst Cappuccino-Trinker neben Aperol-Spritz-Anstoßern drängen, während kleine Kinder draußen vor der Eisausgabe zwischen den Stühlen springen. Laut und lebendig – und mittendrin du mit deinem Team. "Ein Espresso, bella?"

    Wie viele Nachmittage und Abende haben wir dort zusammen verbracht, du hinter dem Tresen und ich in irgendein Gespräch vertieft. Dolce Vita direkt vor der Haustüre. Ein Kurzurlaub - ohne die Koffer zu packen. Leicht und frei.

    Doch die Realität ist eine völlig andere geworden. Seit den Ausgangsbeschränkungen hast du dein Café geschlossen, wir alle tragen unsichtbare Fesseln, gemeinsam einsam. Nein, Maria, ich halte das alles nicht für falsch, auch wenn sich immer mal wieder ein Knoten in meinem Bauch zusammenzieht, wenn mir die Zerbrechlichkeit meiner Realität so deutlich vor Augen geführt wird. Aber die Gesundheit ist unser oberstes Gut - das wird gerade wieder jedem Einzelnen klar. 

    Wie so viele Klein- und Großunternehmer in Unterfranken hat auch dich die Krise getroffen - nicht nur wirtschaftlich. Als ich dir von der Idee dieses Briefes erzählt und dich um ein Foto gebeten habe, hattest du Tränen in den Augen. Die Situation macht nicht nur dich verletzlicher. 

    Natürlich: Den meisten von uns geht es eigentlich doch gut, wir sind gesund, haben ein Dach über dem Kopf und die Sonne scheint. Wenn ich dagegen alleine an die Menschen in deinem Heimatland Italien denke... Trotzdem: Du weißt, was ich meine, wenn ich von diesem Knoten im Bauch spreche.

    Und dann war da dieses Blatt Papier und eure Zusage: "Wir freuen uns auf Euch"! Vanille, Mango, Stracciatella, Schokolade - jetzt verteilst du mit deinem Team wieder kleine und große Portionen Glück an Jung und Alt. To go, mit Sicherheitsabstand und Handschuhen. Die Nachfrage ist riesig. Denn eine Kugel Eis ist in Zeiten wie diesen so viel mehr als eine leckere Erfrischung. Es ist die kulinarische Zusage: Alles wird gut! Das Leben geht weiter.

    Beim Blick auf die Schlange vor dem Café hat unsere Autorin gemischte Gefühle.
    Beim Blick auf die Schlange vor dem Café hat unsere Autorin gemischte Gefühle. Foto: Thomas Obermeier

    Liebe Maria, ich will ehrlich mit dir sein: Wenn ich im Homeoffice sitze, Texte über die Folgen dieser Pandemie bearbeite, verzweifelte Krankenpfleger in den sozialen Netzwerken sehe, Spielplatz-Endlosdiskussionen führen muss – und dann aus dem Fenster schaue, habe ich auch gemischte Gefühle. Ich blicke direkt auf die endlos erscheinende Schlange an Menschen, die sich vor deinem Café mit strahlenden Gesichtern auf ihre Abkühlung freuen.

    "Sind die verrückt?", schreit mein Kopf. Wissen die denn nicht, was los ist? Tun so, als wäre nichts, während anderswo Menschen extrem zurückstecken oder gar ums Überleben kämpfen. Doch, wenn ich ehrlich bin, verschwindet dieses Gefühl sehr schnell - und zurück bleibt ein ganz anderes, wärmeres Empfinden. Sehnsucht.

    Sehnsucht, liebe Maria, das Wort nahmen wir vor dieser Pandemie höchstens in Hinblick auf den nächsten Urlaub in den Mund - meist in dein Heimatland. Doch in Zeiten, in denen selbst das Treffen mit den engsten Verwandten fremdbestimmt verboten ist, ist die Sehnsucht näher an unseren Alltag herangerückt.

    Eine bizarre Zeit, in der kleine Gesten wieder mehr bedeuten

    "Ich bin wiedergeboren", hast du mit feuchten Augen gesagt, als ich dich nach der Öffnung des Eisverkaufes nach deinen Gefühlen gefragt habe. Die Menschen, die Gastronomie - das ist deine Welt. Ein Spaghettieis dort, due Espressi hier und zwischendrin immer ein kleiner Plausch. Auch wenn jetzt räumlich gesehen mehr Abstand zwischen uns liegt, sind wir nahe zusammengerückt. Noch nie habe ich Menschen so glücklich und geduldig Schlange stehen sehen wie in dieser Zeit.

    Es ist eine bizarre Situation, irgendwie surreal und nicht ganz greifbar. Die Welt scheint still zu stehen – und dann esse ich ein Erdbeereis in der Sonne. Menschen kämpfen um ihr Leben – und wir lächeln uns an. Die Politik warnt vor neuen Beschränkungen – und ich schreibe dir diesen Brief.

    Aber es ist eben auch eine Zeit, in der die kleinen Gesten wieder mehr bedeuten. Der Moment an der Supermarktkasse, wenn auf der Maske des Gegenübers "Ich lächele" steht. Das Wasserpistolenspritzen von Balkon zu Balkon mit den Nachbarn, die man sonst doch viel zu selten sieht. Der Videochat mit der Familie, bei dem geflucht und gelacht wird. Oder eben diese eine Kugel Eis, die du mir lächelnd über die Theke reichst.

    Und weißt du was, Maria? Du hältst uns sogar gesund - zumindest mit einer Sorte. Vor kurzem habe ich gelesen, dass Vanille auf unseren Körper antiseptisch wirkt und Krankheitserreger abtöten soll. Und das Beste daran: Das soll auch in Eisform funktionieren!

    In diesem Sinne, stellvertretend für all die wunderbaren Straßenverkäufer, die uns gerade ein Stück Alltag zurückbringen: mille grazie, Maria, e una pallina di vaniglia!

    Liebe Grüße, 

    Meike (von schräg gegenüber)

    Einer bekommt Post: Der "Samstagsbrief"
    Jedes Wochenende lesen Sie unseren "Samstagsbrief". Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Person des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An jemanden, dem wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur. Persönlich, direkt und pointiert formuliert soll der "Samstagsbrief" sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der "Samstagsbrief" ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen "Samstagsbriefen" hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den "Samstagsbrief" zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

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