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    Samstagsbrief: Das ist keine Schmähkritik, Heidi, das ist Lob!

    Samstagsbrief: Das ist keine Schmähkritik, Heidi, das ist Lob!
    Bei Minusgraden in Unterwäsche turteln? Als Schneeflocke verkleidet über Kunstschnee staksen? Klar doch, Chefin! Heidi Klums Show "Germany's Next Topmodel" läuft gerade in der 14. Staffel. Wie üblich lernen Klums Kandidatinnen nicht nur Laufen und Posieren, sondern auch Gehorchen. Foto: dpa

    Liebe Heidi Klum, ich bin mir sicher, dass Sie, die Sie jedes Jahr dünne, junge Mädels für die Quote vorführen, Schmähkritiken gewöhnt sind. In Medienredaktionen gehört es ja praktisch zum guten Ton, zum Start von Germany’s Next Topmodel  über Sie, liebe Heidi Klum, herzuzufallen (was, nebenbei gesagt, insofern reizvoll ist, als man in Vorbereitung auf die  Schmähkritik eine volle GNTM-Folge rein beruflich und deshalb mit gutem Gewissen schauen kann). Ich erinnere mich, dass auch ich Sie vor einigen Jahren  gerügt habe, weil Ihre Sendung ja zweifellos den Schlankheitswahn pubertierender Mädchen befördert. Dem ist so; da brauchen wir uns beide nichts vorzumachen - da können Sie noch so oft Ihre Kandidatinnen in Schokomuffins beißen lassen.

    Aber diesmal will ich Sie nicht schmähen, liebe Heidi Klum, ganz im Gegenteil. Ich habe nämlich jetzt erst, da GNTM im 14. Jahr läuft, entdeckt, was Sie wirklich leisten. Wie kein anderer TV-Promi bereiten Sie die junge Generation auf die Realität des Arbeitslebens vor. Ich sehe GNTM mittlerweile durchaus als  Berufsschule der Nation.

    GNTM bereitet auf die Härte des Arbeitslebens vor

    Die Anforderungen des heutigen Arbeitslebens sind hart.  Wir beide, die wir etwas reifer sind und nicht mehr faltenfrei (auch wenn Sie das besser zu überschminken verstehen als ich), wissen das. In unserer globalisierten Welt, in der im Land oder im Kontinent nebenan jede nur mögliche Arbeitsleistung billiger angeboten wird, sind in fast jeder Branche die Gewinnmargen geschrumpft. Der Chef eines Unternehmens  muss seinen Betrieb also nicht nur zielsicher führen, sondern auch billig. Und am allergünstigsten fährt man bekanntlich mit reduziertem Personal, das klaglos die Arbeitslast von doppelt so vielen Menschen schultert. Braucht ein Chef in dieser Situation extravagante Menschen, die von Work-Life-Balance schwafeln und ihr Büro Feng-Shui-mäßig umstellen wollen? Braucht er Querdenker, die seine Anweisungen infrage stellen und somit wertvolle Zeit fressen? Nein, die braucht er nicht!

    Samstagsbrief: Das ist keine Schmähkritik, Heidi, das ist Lob!
    Auf Fotos sexy auszusehen - das kann man lernen. Heidi Klum, deutsches Topmodel und langjährige GNTM-Moderatorin, bringt ihren Kandidatinnen auch in dieser Staffel diese Kunst bei. Foto: dpa

    Stattdessen braucht der Chef doch Leute, die genau das tun, was er sagt. Bis auf die Haut ausziehen und sich mit einer Schlange am Busen fotografieren lassen? Ja, Chefin! Sich eine Glatze schneiden lassen? Jawoll doch! Bei Minusgraden in Dessous turteln - wie in der letzten Folge? Klar, wenn der Fotograf das will! Genau diese jungen Menschen, die Anweisungen von oben einfach umsetzen, generieren Erfolge. Dass Sie echte, harte Arbeitsmoral vermitteln, liebe Heidi – das werden Ihnen landauf, landab Chefs und Möchtegern-Chefs danken.

    GNTM lehrt, den Moment zu genießen

    Natürlich habe ich es nur meiner Tochter zuliebe getan, aber geschaut habe ich Ihre Shows öfter. Von daher weiß ich von Ihrer Liebe zum unnötigen Plusquamperfekt und kenne auch Ihre Lieblingsfrage: „Und, Mädels? Hattet Ihr Spaß gehabt?“  Früher verstand ich nicht, wieso Sie genau diese Frage stellen mussten, wenn die armen Mädels nach einem Foto-Shoot mit ekligen Fischen gerade halbertrunken aus einem Aquarium auftauchten. Wenn sie verdreckt und verschreckt  nach einer Fotosession im Schlamm zurück in die Garderobe stolperten oder sich gerade der Umarmung eines besonders häßlichen Männer-Models entwunden hatten. „Hattet ihr Spaß gehabt?“

    Samstagsbrief: Das ist keine Schmähkritik, Heidi, das ist Lob!
    Auf den Laufstegen dieser Welt zu landen, ist der Traum der GNTM-Kandidatinnen. Das Foto entstand bei der Mailänder Modewoche. Foto: dpa

    Den tiefen Sinn hinter dieser nur scheinbar idiotischen Frage begreife ich erst, seit mir klar geworden ist, dass man den Moment leben muss - denn es bringt ja nichts, sich gedanklich an der Vergangenheit festzukrallen oder sich in eine unsichere Zukunft zu verirren. Manch einer braucht ein langes Studium des Zen-Buddhismus, um zu verstehen, dass man den Moment durchaus genießen sollte, wenn er denn alles ist, was man hat. Dabei vermitteln doch Sie, liebe Heidi Klum, diese Erkenntnis kompakt und gratis  im Fernsehen. Das ist sicher im Sinne aller Chefs, die es begrüßen werden, wenn ihre Mitarbeiter auch ungeliebte und unangenehme Arbeiten „mit Spaß“ umsetzen.

    GNTM lehrt Vermarktung

    Für die aktuelle GNTM-Staffel haben Sie nicht, wie früher, Hunderte Mädchen zum Casting gebeten, sondern vor allem jene eingeladen, die sich schon selbst auf Youtube oder Instagram inszeniert haben. Damit zeigen Sie nicht nur den Mädels, sondern auch den jungen Zuschauern vor dem Fernseher, wie erfolgreiche Vermarktung funktioniert. Sie haben gelehrt, dass auch ein sehr mittelmäßiges Produkt sich prima verkauft, wenn nur das Marketing stimmt.

    Und nein. Der letzte Satz bezieht sich natürlich nicht auf Sie oder auf Ihre Show!

    Mit herzlichem Dank und besten Grüßen; Ihre Gisela Rauch

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