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    Würzburg

    Samstagsbrief: Herr Hopp, halten Sie Spielabbrüche für gerechtfertigt?

    Die Hass-Tiraden gegen den Fußball-Mäzen aus Hoffenheim haben zu heftigen Reaktionen geführt. Doch es geht weniger gegen die Person Hopp als vielmehr gegen ein System.
    Dietmar Hopp ist Mitbegründer des Software-Konzerns SAP - und als Mäzen des Fußball-Bundesligisten TSG Hoffenheim Zielscheibe heftiger Fan-Kritik. Foto: ThorstenWagner

    Sehr geehrter Herr Hopp,

    als ich Sie vorigen Samstag im Fernsehen sah – wie Sie da standen im Stadion Ihres Klubs in Hoffenheim, fast weinerlich, auf jeden Fall tief getroffen von der Wucht dumpfer Schmähungen und Hass-Tiraden –, wirkten Sie auf mich wie ein Alien, der sein Raumschiff verpasst hatte, und ich fragte mich: Warum tut der Mann sich das an? Wieso bleibt er am Samstagnachmittag nicht einfach zu Hause und schaut seinem Enkel beim Fußballspielen auf der Wiese zu, so wie Sie es einmal in einem Interview erzählt haben? Sie könnten sich viel Frust und Ärger ersparen. Doch wahrscheinlich würden Sie das als Kapitulation und Feigheit vor dem Feind empfinden.

    Verehrter Herr Hopp, Sie sind ein gemachter Mann und einer der reichsten Menschen dieses Landes. Aber nach allem, was man so liest und hört, machen Sie sich nichts aus schicken Autos oder teuren Hochseejachten. Der Prototyp des raffgierigen Kapitalisten sind Sie nicht. Sie engagieren sich sozial und gesellschaftlich, haben eine gemeinnützige Stiftung, die sich für Klimaschutz und bessere Bildung einsetzt, und doch werden Sie immer wieder angefeindet – wegen Ihrer Rolle als Geldgeber des Fußballklubs TSG Hoffenheim.

    Nach heftigen Beleidigungen von den Rängen bekunden Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und die Spieler Dietmar Hopp demonstrativ ihre Solidarität. Foto: Revierfoto

    Viele Briefe sind Ihnen deshalb schon gewidmet worden, das Netz wimmelt davon. Seit Jahren sind Sie Adressat von Wut, Frust, Sarkasmus, Enttäuschung, einem diffusen Unbehagen, das sich in Teilen der Fußball-Fanszene ausgebreitet hat. Man muss kein Moralapostel sein, um den Hass und die Auswüchse auch im Fußball als inakzeptabel zu geißeln und als Grenzverletzung zu markieren. Ich glaube aber fest, dass sich der Hass nicht gegen Sie als Person richtet, sondern gegen ein System aus Macht und Kapital.

    Daher halte ich es für abwegig, all die wüsten Drohungen und Beleidigungen in eine Reihe zu stellen mit den rassistischen Ausfällen in den Stadien oder gar den Morden von Hanau. Da sind manchen, auch sehr namhaften Leuten, dieser Tage gewaltig die Maßstäbe verrutscht. Im einen Fall geht es um systematischen Rassismus, im anderen um das hilflose Treten nach oben, gegen die Mächtigen im Fußball-Olymp, die Halbgötter in Verband und Vereinen, die sich gefühlt immer mehr von den Normalsterblichen in der Kulisse entfremden.

    Lieber Herr Hopp, Sie haben aus einem Dorfklub eine große Nummer des Fußball-Geschäfts gemacht. Über den Weg und die Methodik lässt sich trefflich streiten. Auch ich zähle mich eher zu den unverbesserlichen Romantikern, die den Fußball in einem Atemzug mit Tradition, Arbeit und Schweiß nennen. Halten Sie mich für einen Träumer, der aus der Zeit gefallen ist: Ich finde einfach, es ist zu viel Geld im Umlauf. Der Kommerz hat den Kern dieses Spiels ausgehöhlt, und ich weiß, dass nicht nur mich dieses Gefühl beschleicht. Die Protagonisten dieses einst so bodennahen Sports sind mittlerweile so weit von den normalen Leuten entfernt, wie es hochbezahlte VW-Manager seit je gewesen sind. Dabei sollen die Kicker doch gerade von der Basis getragen werden.

    Fußall ist ein Geschäft, aber er lebt von Emotionen

    Der Fußball mag ein Geschäft sein, aber er ist eben kein Produkt wie jedes andere, keine dröge Ware, die man sich ins Regal stellt. Er lebt vielmehr von Gefühlen und Emotionen, die in unserer heutigen Gesellschaft der wahre Luxus sind. Ich weiß, Herr Hopp, dass Sie Ihr Engagement zwischendurch selbst kritisch hinterfragt haben. Es sei vielleicht ein Fehler gewesen, das Projekt Profifußball in Hoffenheim auf den Weg gebracht zu haben, haben Sie einst im Interview gesagt. Heißt das, Sie würden heute nicht mehr Geld und Mühe in ein so umstrittenes Vorhaben stecken? In ein Retortenbaby, das inzwischen erwachsen, aber nicht wirklich beliebt ist? Schon das Eingeständnis, dass Sie den Weg in die Bundesliga nicht mehr auf Teufel komm raus verfolgen würden, zeigt, wie sehr auch Ihnen das Thema nahegeht.

    Wissen Sie, was mich wirklich beschäftigt? Es ist die Frage, ob Sie es als hilfreich und verhältnismäßig erachten, wenn der Deutsche Fußball-Bund bei fortgesetzter Beleidigung von den Rängen nun mit Spielabbruch droht; oder ob damit nicht alles noch schlimmer wird, weil der Hass nicht mehr nur Hass ist, sondern instrumentalisiert werden kann. Er ließe sich als Macht- und Druckmittel in einem Kampf einsetzen, der von den Beteiligten zunehmend ideologisch geführt wird: wir da unten gegen euch da oben, wir auf der richtigen Seite gegen euch auf der falschen. Ich weiß nicht, Herr Hopp, auf welcher Seite Sie sich sehen. Vielleicht ist das in diesen Tagen im deutschen Fußball gar nicht so leicht zu beantworten.

    Mit freundlichen Grüßen

    Eike Lenz

    Einer bekommt Post: der Samstagsbrief
    Jedes Wochenende lesen Sie unseren "Samstagsbrief". Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Person des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An jemanden, dem wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur.
    Persönlich, direkt und pointiert formuliert soll der "Samstagsbrief" sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der "Samstagsbrief" ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück.
    Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen "Samstagsbriefen" hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den "Samstagsbrief" zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

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