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    Bischofsheim

    Samstagsbrief: Herr Weghofer, beim Bier hört der Spaß auf!

    Am Kreuzberg ist die kurze Ära der Glaskrüge zu Ende. Ab sofort wird in der Klosterschänke wieder mit Steinkrügen angestoßen. Gut so, findet unser Autor.
    Er sorgte dafür, dass es künftig wieder ausschließlich Tonkrüge geben wird in der Klosterschänke auf dem Kreuzberg: Christian Weghofer, neuer Geschäftsführer der Klostergastronomie. Foto: Thomas Pfeuffer

    Oft sind es Kleinigkeiten im Leben, die für Freude sorgen. Ein Lächeln. Ein Sonnenstrahl. Eine Blume. Sie sind angetan, auch einen miesen Tag noch zu retten. In dieser Woche, lieber Herr Weghofer, haben Sie für solch einen Moment des leisen Glücks gesorgt. Gewiss, es gibt in diesen Tagen, da uns die chinesische Influenza sogar im Freistaat heimsucht, der sonst so schnell niemanden über seine Grenzen lässt, und der Vorrat an Mundschutzen hierzulande zur Neige geht, wahrlich größere Probleme als die Glaubensfrage im Kloster Kreuzberg: Glas- oder Tonkrug? Wobei: Denken Sie bei Corona im Moment nicht auch immer noch mehr an ein mexikanisches Bier mit Zitronenschnitz denn an die grassierende Seuche?

    Jedenfalls haben Sie in ihrer Funktion als neuer Geschäftsführer für die Kreuzbergbetriebe entschieden, dass die erst im vergangenen Jahr eingeführten Glaskrüge in der Klosterschänke wieder abgeschafft und durch die traditionellen Tonkrüge ersetzt werden. Gut so!

    Es gab kaum einen Artikel auf mainpost.de in dieser Woche, der mehr Resonanz und mehr Kommentare erreicht hat wie die Nachricht über die Rückkehr zum Tonkrug.

    Der Kreuzberg ist der Mount Everest der Unterfranken

    Es verändert sich ja schon viel zu viel in dieser digitalisierten Welt. Da ist es offenbar schön zu erfahren, dass auf dem Kreuzberg Hopfen und Malz nicht verloren sind. Räder können auch 2020 tatsächlich zurückgedreht werden, wenn es Sinn macht. Und es macht Sinn: Schließlich ist der Kreuzberg so etwas wie der Herzensberg der Region. Das weiß jeder, der einmal die Menschen beim Hüttenfest an der Gemündener Hütte erlebt hat, wenn Spilk das "Kreuzberg-Lied" anstimmt und die Rhöner ergriffen mit einstimmen:

    Komm mit, mein Schatz,

    nimm an meiner Seite Platz.

    Mit der Bimmel-Bummel-Bahn,

    fahren wir nach Böschme ran

    Und dort steigen wir aus,

    und wandern zum Kreuzberg hinauf

    Grüß mir die Heimat

    Grüß mir mein Rhöner Land

    Mit seinen Bergen,

    mit seinem Saalestrand,

    Dort wo der Kreuzberg winkt

    Dort wo die Saale rauscht,

    ist meine Heimat

    ja, da bin ich zuhaus.

    Es ist die Hymne der Rhön. Und der Kreuzberg mit seinen 928 Metern Höhe der Mount Everest der Unterfranken. Bis zu 700 000 Menschen steigen jährlich auf den heiligen Berg der Franken. Das sind in etwa doppelt so viele Besucher wie das Weltkulturerbe Residenz in Würzburg pro Jahr verbucht.

    Käsegewürz aus dem weißen Tütchen

    Wohl jeder, der an Saale, Sinn und Main aufgewachsen ist, hat eine Erinnerung an Ausflüge auf den Kreuzberg. Erst führte eine mehr oder weniger lange Wanderung hinauf zu den drei Kreuzen, dort wo sich die Rhön stolz auffächert als Land der offenen Fernen. Dann ging es hinunter zum Kloster. Für die Kinder gab es in den Verkaufsbuden meist einen Rhönheuler, so ein grellbuntes, geriffeltes Plastikrohr, das beim Kreisen schaurige Töne erzeugte. Oder einen dieser Spazierstöcke, auf die kleine, bemalte Plättchen genagelt wurden. Auf die Eltern warteten Schwarzbrot und ein Käse mit dem legendären Kreuzberggewürz aus dem weißen Papiertütchen. Und natürlich eine halbe Maß Klosterbier – aus dem Tonkrug.

    So war das. Bis im Januar 2019 die Nachricht die liebliche Heimat erschütterte, dass der Glaskrug Einzug hält im Kloster. "Ein durchsichtiges Manöver" titelte diese Redaktion damals, und tatsächlich hört hierzulande beim Bier der Spaß auf. Ihre Vorgängerin, werter Herr Weghofer, begründete die Maßnahme – oder müsste es richtig heißen: Maßentnahme – damit, dass so keine Warteschlangen mehr bei der Krugrückgabe entstünden. Schließlich gingen die Gläser pfandfrei über den Tresen im Gegensatz den Kollegen aus Ton. Zudem, so ihr Argument, könne jeder Kunde sehen, dass ordentlich gezapft sei.

    Ein Aufschrei der Entrüstung

    Aber der Kreuzberg ist noch lange kein Oktoberfest, und so hatte die damalige Chefin die Rechnung ohne die treuen Franken gemacht. Bei der Einführung gab es einen Aufschrei der Entrüstung. Und der lag nicht nur an der liebgewordenen Tradition, sondern wurde von den Bierfreunden auch mit fundierten Argumenten begleitet: Im Tonkrug bleibt das dunkel-süffige Klosterbier länger kühl. Außerdem: Ist dieser dumpf-nüchterne Klang beim Anstoßen der Steinkrüge nicht viel schöner als das schrille Klirren der Glashumpen?

    Insofern, Herr Weghofer, war das ein geschickter Schachzug zu Ihrem Einstand. Und das mit dem digitalem Wandel, das beherrschen Sie ja offensichtlich auch oben auf dem Berg. Es gibt, so ist zu hören, jetzt auch WLAN in der Klosterschänke.

    Na dann, Prost!

    Mit freundlichen Grüßen

    Achim Muth, Redakteur

    Einer bekommt Post: Der "Samstagsbrief"
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