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    Würzburg

    Samstagsbrief: Herr Winterkorn, haben Sie zu hoch gepokert?

    Martin Winterkorn, ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Volkswagen Foto: Bernd von Jutrczenka, dpa

    Sehr geehrter Herr Winterkorn,

    am Montag kommt Hiltrud Dorothea Werner an die Uni Würzburg, Mitglied des Konzernvorstands von VW und zuständig für das Ressort "Integrität und Recht". Bei einem öffentlichen Vortrag an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät will sie unter anderem darüber sprechen, welche Folgen der Abgaskandal für Volkswagen hat. Da fällt mir ein: Ich wollte ja schon seit langem ein paar Fragen zum Dieselskandal stellen - aber an Sie.

    Ist Ihnen klar, dass der Schaden, der unter Ihnen als VW-Chef entstanden ist, sich nicht mit Geld bemessen lässt? Dass hier Dinge kaputt gegangen sind, die sich nicht reparieren lassen? Dass VW nie wieder VW sein wird und jetzt für das Gegenteil steht, wofür es einmal stand? Dass Sie ein Szenario hinterlassen haben, das reichlich Stoff für einen Endzeit-Film bietet?

    Dieser unfassbare Massenbetrug bringt mich an die Grenzen meiner Vorstellungskraft. Und er lässt mich zweifeln: an Vorstandsvorsitzenden. An dem System. An den Werten. An einem Minimum an Anständigkeit auf dieser Welt.

    „Dieselgate“, das klingt viel zu harmlos. So wie „Schummel-Software“ seltsam kindlich klingt. So als würde man bei einem Spiel jemanden übers Ohr hauen. Betrügen in der Verniedlichungsform. Wie hat man sich das vorzustellen: War es ein Spiel, das bei VW gespielt wurde? Haben Sie sich für Poker entschieden? Sie gingen "all in", setzten alles: Weltmarktführer oder nichts? Als die Karten  dummerweise immer schlechter wurden, traten Sie - neun Jahre lang Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG - im September 2015 zurück.

    Seither behaupten Sie, der Betrug sei an Ihnen vorbeigegangen. Das kling, als gehe Sie das alles gar nichts an. Das ärgert mich kolossal. Und dabei bin ich noch nicht einmal VW-Fahrer und auf deren Wut-Level. Millionen Menschen hatten Ihnen und der Marke vertraut – gab es jemals mehr Angeschmierte?

    Selbst wenn man Ihnen die von Ihnen beanspruchte Unwissenheit unterstellt, ändert das wenig. Weil Sie als damaliger Chef so oder so verantwortlich waren. Sich zu kümmern, das wäre Ihre Aufgabe gewesen. Unterlassen wiegt schwer. Denn die Leistung eines Chefs bemisst sich eben nicht nur an dem, was er tut. Sondern auch daran, was er nicht tut.

    Sie, Herr Winterkorn, sind für einen der größten Skandale in diesem Land verantwortlich. Für eine nie dagewesene Kunden-Täuschung. Aber nicht nur das: Seltsamerweise redet kaum einer darüber, was „Dieselgate“ für die Umwelt bedeutet hat. Wenn man bedenkt, welche drakonischen Strafen mitunter im Umweltbereich ausgesprochen werden . . . Ohne Jurist zu sein, das klingt nach Haftstrafen-Bereich.

    Worum es jetzt geht, ist die strafrechtliche Beurteilung, ab wann Sie von dem Betrug wussten. Ob Sie bewusst betrogen haben. Oder womöglich selbst von anderen hintergangen wurden. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig sagt, so wie die amerikanische Justiz letztlich auch: Winterkorn hat betrogen! Was folgerichtig zur Anklage führte. Das deutet auf eine recht deutliche Beweislage hin. Natürlich gilt auch für Sie die Unschuldsvermutung bis ein richterliches Urteil gesprochen ist. Der Tatverdacht allerdings wiegt 300 Aktenbände schwer. Die Anklageschrift selber umfasst knapp 700 Seiten.

    Ich kann mir beim besten Willen nicht ausmalen, dass Sie von den unfassbaren Betrügereien, diesem permanenten Lug und Trug als Geschäftsprinzip, nichts wussten. Sie waren es doch, der bei allen sich bietenden Gelegenheiten und Auftritten öffentlichen betont hat, wie genau Sie hinschauen und wie Sie sich auch noch für den letzten Abdichtring interessieren. Diese Detailverliebtheit, eine immerwährende Kontrolle – das war genau Ihr Markenzeichen.

    Nein, der Betrug kann nicht an Ihnen heimlich vorbeigelaufen sein. Sich in die eigene Tasche zu lügen, kann vor Gericht zu einem furchtbaren Erwachen führen. Für Sie, Herr Winterkorn, geht es um viel. Eine lange Haftstrafe steht ebenso im Raum wie eine Millionen-Rückzahlung. Deshalb sollte es bei dem anstehenden Verfahren nicht um Schnelligkeit gehen, sondern um eine genaue Aufarbeitung. Kein Ablasshandel, wie es bei Uli Hoeneß der Fall war. Dessen Betrügerei wurde letztlich nicht ausermittelt – es gab einen Kompromiss.

    So etwas ist für das Rechtsempfinden immer schlecht, weil es einen Beigeschmack und offene Fragen hinterlässt. Und es erschüttert den Glauben an die Justiz und die Gerechtigkeit. Wenigstens dafür sollte "Dieselgate" bitte nicht auch noch stehen.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Frank Weichhan, Redakteur 

    Der "Samstagsbrief" ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen "Samstagsbriefen" hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den "Samstagsbrief" zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

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