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    Berlin

    Samstagsbrief: Keine Angst vor der Einheit, Herr Krenz!

    Der letzte starke Mann der DDR: Egon Krenz Foto: Tobias Schwarz, afp

    Sehr geehrter Herr Krenz,

    als vor 30 Jahren die Mauer bröckelte und vielerorts die Sektkorken knallten, hatten Sie Angst. Angst davor, dass die friedliche Revolution kippt und es doch Tote gibt. Jedenfalls sagten Sie das im Sommer bei der Vorstellung Ihres neuen Buches in Berlin. Sie im Osten hätten "ganz schön rackern" müssen, "damit die Sache vernünftig verläuft", erzählten Sie. Wie dem auch sei. Ich unterstelle Ihnen, Sie hatten in dieser Novembernacht 1989, als sich die Grenzen öffneten, nicht nur Angst um andere, sondern vor allem um sich selbst. Sie waren damals SED-Generalsekretär, Staatsratsvorsitzender und Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates. So mächtig wie einst Erich Honecker. Doch die Bürger wollten das SED-Regime nicht mehr. Die Bürger wollten die DDR nicht mehr.

    Herr Krenz, Sie machen auf mich den Eindruck, als hätten Sie das bis heute nicht verstanden. Trotz Ihrer Lebenserfahrung. Trotz Ihrer Verurteilung wegen der Todesschüsse an der Mauer. Zwar räumten Sie erst dieser Tage ein: "Wir hatten das Vertrauen großer Teile des Volkes verloren." Überwiegend schauen Sie aber mit verklärtem Blick auf die DDR zurück und meinen, als sie vom Westen "übernommen" worden sei, habe eine "gerechte, friedliche und vernünftige Welt" geendet. Da drängt sich geradezu die Frage auf, wie für Sie eine "gerechte, friedliche und vernünftige Welt" aussieht. Gehört Bespitzelung dazu? Unterdrückung der eigenen Bürger? Politische Häftlinge? Mangelwirtschaft? Mauertote? Und warum sollten Menschen mit allen Mitteln am Verlassen einer solchen "gerechten, friedlichen und vernünftigen Welt" an der Grenze gehindert werden müssen?

    Ich bin Jahrgang 1982. Ich habe genau eineinhalb DDR-Erinnerungen. Die erste: "Tagesschau"-Bilder von Trabis, die gen Westen fahren, und meine Eltern, die ungläubig in den Fernseher starren. Die zweite ist nur eine halbe Erinnerung – weil die DDR damals schon nicht mehr existierte: Ein Grundschulausflug nach Suhl 1990, wo wir in einem heruntergekommenen Plattenbau, der eine Schule war, eine Austauschklasse besuchten. Ansonsten ist die DDR für mich im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte. Für Menschen, die jünger sind als ich, noch viel mehr.

    Für Sie, Herr Krenz, ist die DDR ein Sehnsuchtsort. Während sich die geeinte Republik schon langsam auf den 30. Jahrestag des Mauerfalls einstimmte, feierten Sie im Oktober einen anderen Jahrestag: den 70. Geburtstag Ihrer Deutschen Demokratischen Republik. So berichteten es Berliner Zeitungen.

    Gemeinsam mit 350 Genossinnen und Genossen trafen Sie sich in Berlin-Marzahn um 30 Jahre nach deren Ende eine Diktatur hochleben zu lassen. Ich finde das befremdlich. Vor allem, weil es nicht die einzige Veranstaltung dieser Art war. So fand in Brandenburg eine "Alternative Einheitsfeier" statt. Mit Hans Modrow als Stargast. Teilnehmer behaupteten dort, niemand habe an der Grenze "mit Willen Menschen erschossen", die DDR sei ein "Friedensstaat" gewesen – aber was heißt schon "gewesen"? Sie sei "bis heute mehr als ein Stachel im Fleisch der herrschenden Klasse – sie lebt".

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    Das hat nichts mehr mit Ostalgie zu tun, das ist realitätsferne Schönfärberei. Apropos Ostalgie: Ich glaube, dieses Phänomen gibt es nicht, weil sich normale Bürger der ehemaligen DDR ohne Wenn und Aber nach dem Arbeiter- und Bauernstaat zurücksehnen. Das tun wohl eher die, die zur oberen Klasse gehörten, so wie Sie. Ich glaube, Ostalgie gibt es vor allem, weil der Einheitsprozess für die Ostdeutschen nicht so lief, wie es versprochen wurde. Von flächendeckend "blühenden Landschaften" kann jedenfalls keine Rede sein. Dass der Einheitskanzler Helmut Kohl bereits 1994 im Bundestag behauptete, "die innere Einheit unseres Vaterlandes ist in vielen Teilen schon gelebte Wirklichkeit", klingt aus heutiger Sicht fast komisch.

    Die Einheit bleibt auch 30 Jahre nach dem Mauerfall eine Aufgabe. Ein verklärter Blick auf die DDR, der das Unrecht, das das Regime auf seine Bürger brachte ausblendet, hilft da nicht, Herr Krenz. Er spaltet.

    Sie sind mit Ihren 82 Jahren nicht leise. Sie schreiben Bücher, gaben zuletzt wieder Interviews. Warum nutzen Sie Ihre Popularität, die Sie im Osten nach wie vor haben, nicht, um Ihren Beitrag zur weiteren Annäherung zwischen Ost und West zu leisten? Immerhin, so sagten Sie jetzt, habe auch Ihnen die Einheit etwas Glück gebracht: Sie hat Ihnen Angst genommen – die Angst davor, dass Deutsche irgendwann gegeneinander Krieg führen müssen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Benjamin Stahl, Redakteur

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