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    Würzburg

    Samstagsbrief: Liebe Eltern, nerven Sie Ihr Kind zum Schulanfang nicht!

    Nach den Helikopter-Eltern gibt es jetzt eine neue Gruppe überfürsorglicher Eltern: die Rasenmäher-Eltern. Sie mähen Hindernisse, die sich ihrem Kind in den Weg stellen, einfach nieder.  Foto: thinkstock

    Liebe Eltern, wir  haben es wirklich nicht leicht. Glaubt man den zahlreichen Elternratgebern im Netz und in Buchform,  ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir Eltern bei der Erziehung versagen, relativ hoch. Überlassen wir zum Beispiel unser Kind zu oft sich selbst, gelten wir als Rabeneltern. Und müssen uns ein Leben lang schuldig fühlen, weil wir die musikalische Begabung unseres Leon nicht gefördert haben, seine Legasthenie zu spät bemerkt haben und seine ausufernden Handyspielereien nicht konsequent genug unterbunden haben. Vielleicht hätte ja Leon bei Handyentzug und Geigenstunden ein Starmusiker werden können – und wir haben es vermasselt!

    Helikopter-Eltern begleiten den Sohn aufs Klettergerüst, um sicherzustellen, dass er nicht fällt.

    Helikopter-Eltern klettern auch gern mal mit aufs Gerüst, um zu verhindern, dass das Kind fällt. Foto: Lisa Marie Waschbusch

    Andererseits: Erkundigen wir uns bei der Lehrkraft und vielleicht auch der Schulpsychologin, ob der Umstand, dass Leon nach einem halben Jahr noch immer kein Leseanfänger-Buch ganz  durchlesen möchte, nicht doch auf Legasthenie hinweise, gelten wir schnell als überfürsorgliche Kontrollfreaks. Und spätestens, wenn wir beim ersten gemeinsamen Klassenelternausflug unseren Leon aufs drei Meter hohe  Klettergerüst begleiten, weil wir da sein wollen für den Fall, dass er fällt, pappt das Schild „Helikopter-Eltern“ auf unserem Rücken. Auch wenn das Helikoptern einer jüngeren Studie zufolge durchaus positive Auswirkungen auf die Schulnoten und eventuelle Studienabschlüsse des Kindes hat, mag man doch niemand zur Gruppe der Helikopter-Eltern gehören. Ist schließlich uncool, ständig ums Kind zu kreisen.

    Rasenmäher-Eltern fordern die Lehrkraft auf, fürs Kind einen neuen Sitzplatz zu finden, bevor es selbst das will. 

    Als noch gefährlicher fürs Kind gilt es aber mittlerweile, zur Gruppe der Rasenmäher-Eltern zu gehören. Diese Spezies, vor einigen Monaten erstmals auf der Lehrer-Website "Weareteachers.com " beschrieben, neigt dazu, Hindernisse, die sich dem Kind in den Weg stellen, im Vorhinein zu beseitigen.  Zu den Rasenmäher-Eltern zählen Mütter, die die Lehrkraft nötigen, ihrem Töchterchen einen anderen Sitznachbarn zuzuteilen – „weil der Amado der Maria nämlich immer den Radiergummi wegnimmt!“. Dazu passen Väter, die dem Kind, weil es „gerade so viel um die Ohren hat“,  den Hausaufsatz schreiben, bei der Lehrkraft eine Abgabefristverlängerung fürs Referat erwirken oder  Trinkflasche, Sportbeutel oder die warme Jacke in die Schule nachtragen, wenn das Kind sie vergessen hat.

    Eltern, die dem Kind alles durchgehen lassen, erziehen Tyrannen.

    Für die Leons und Marias mag das zunächst schön sein. Aber Kinder,  die sich nie selbst mit nervenden Banknachbarn, angstmachenden Abgabeterminen und Lehrerrügen nach Sportbeutel-Vergessen auseinandersetzen müssen, lernen, sich selbst nicht zu vertrauen. Solche Kinder werden bei schulischem Misserfolg den Lehrer verantwortlich machen und bei Problemen mit Mitschülern die Mitschüler selbst. Kinder von Rasenmäher-Eltern dürften einen schwierigen Start ins selbstbestimmte Leben haben. Aber vermutlich leiden auch die perfektionistischen Töchter von Tigermüttern, leiden die Tyrannenjungs, deren Väter nie den Erzieher, sondern immer den partnerschaftlichen Kumpel gegeben haben, leiden all die anderen über- und unterforderten Kids, deren Eltern sich Erziehungsdefizite leisten.

    Richtige Erziehung: ein sehr schmaler, sehr steiniger Weg

    Seien wir mal ehrlich: In irgendeinem der beschriebenen Typen erkennen wir uns selbst – und bekommen sofort Schuldgefühle. Müsste man die Angst der Eltern vorm Scheitern in der Erziehung in ein Bild pressen, sähe man vor seinem geistigen Auge einen sehr, schmalen und sehr steinigen richtigen Erziehungsweg – und rechts und links davon Abgründe.

    Wie aber kommt man aus der Nummer wieder raus?

    Wie sorgt man, gerade zum Schulanfang, dafür, dass es dem Kind gut geht; wie vermeidet man gleichzeitig all die Fehler, die hyperängstliche, hyperfürsorgliche Einmischer-Eltern so machen?

    Wer dem Kind den Schulanfang leicht machen will, lehnt sich zurück und vertraut ihm.

    Wer dem Kind den Schulanfang leicht machen will, vertraut ihm. Foto: Caroline Seidel, dpa

    Indem man sich zurücknimmt und ihm vertraut, dem Kind. Indem man Leon zutraut, dass er selbst klarkommt mit Problemchen und darauf vertraut, dass Maria bei großen Problemen um Hilfe bittet. Dazu gehört natürlich, dass man Proben und Noten schon zur Kenntnis nimmt, ihnen aber nicht zu viel Bedeutung beimisst. Am wichtigsten ist, dem legasthenischen Leon und der schüchternen Maria  klarzumachen: „Du bist gut, genauso, wie du eben bist“. Das geht am einfachsten, wenn man als Elternteil auch wirklich bereit ist, das Kind so anzunehmen, wie es ist und zu akzeptieren, dass es sein eigener Mensch wird und nicht der, den wir uns wünschen.

    Noch drei Hinweise an Erstklässler-Eltern: Erstens gibt es immer ein Kind, das Radiergummis klaut. Kein Grund zur Aufregung. Zweitens ist es besser, in einen Yogakurs für sich zu investieren statt an "Englisch für Schülereltern" teilzunehmen. Drittens kann man sich von Elternratgebern, die nur Schulgefühle machen, auch schon mal trennen.

    Mit vielen Grüßen,

    Gisela Rauch, Redakteurin


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    Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen "Samstagsbriefen" hier.

    Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den "Samstagsbrief" zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

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