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    Würzburg

    Samstagsbrief: Opa Gerhard, stell den Ramazzotti kalt!

    Immer eine Schulter zum Anlehnen: Unsere Autorin (rechts) mit ihrer Schwester und Opa Gerhard beim Mittagsschlaf im VW-Bus irgendwann Mitte der 90er Jahre. Foto: Familie Schmid

    Lieber Opa, du darfst dich bei mir bedanken! Nein, nicht dafür, dass ich wieder mal stundenlang am Telefon versucht habe, deinen Computer zu reparieren - nur um dann die SMS zu bekommen: "PC geht wieder, Fehler saß vor dem Bildschirm." Auch nicht für den Ramazzotti, den ich dir zu deinem 93. Geburtstag organisiert habe. Natürlich ohne Eiswürfel. Ich weiß ja, "die nehmen nur kostbaren Platz weg". Nein Opa, du darfst mir danken, denn: Ich halte dich jung!

    "Du mich?", höre ich dich lachend sagen. Du hast ja Recht, dein Twitter-Account wird bestimmt erfolgreicher als meiner. Was du der Welt mitteilen willst? Eigene Schüttelreime wie diesen: "Dass er nicht aus der Rolle tanz', übt er sich in Toleranz." Ein Schüttelreim-Twitteraccount - auf so eine Idee kannst auch nur du kommen!

    Aber zurück zu mir: Ich halte dich jung! Das wird mir von höchstoberster Stelle attestiert. Nein, nicht von dir, Opa. Der bayerische Staatskanzleiminister Florian Herrmann hat es gesagt. Na gut, er hat nicht nur mich gemeint, sondern Enkelkinder an sich. Aber da können wir ja drüber großzügig hinwegschauen. Warum ich dir das schreibe? Weil Ministerpräsident Markus Söder die Aussage ernst nimmt. Und was machen bayerische Politiker, wenn sie etwas ernst nehmen? Richtig, Opa. Sie machen einen Feiertag daraus.

    Als erstes Bundesland feiert Bayern ab sofort am zweiten Oktobersonntag einen Großelterntag - wie es ihn in Italien, Spanien oder Taiwan gibt. Man wolle den Stellenwert aller Opas und Omas würdigen und eure Leistung in den Mittelpunkt rücken. So klingt eine Liebeserklärung von Politikern. Eine Liebeserklärung? Ich sehe dich vor mir, in deinem durchgesessenen Stuhl, "der es noch tut", und "bloß keine Lobhudelei" rufen. Lieber Opa, da musst du jetzt durch.

    Weißt du, was die Statistiker herausgefunden haben? Du bist einer von 21 Millionen Menschen in Deutschland, die zusammen fast vier Milliarden Stunden pro Jahr für ihr Enkelkind aufwenden. Ich weiß, was du sagen willst: Ist doch selbstverständlich, dass Oma und du uns betreut habt, wenn Not am Mann war. Dass ihr immer mit uns ins Schwimmbad gegangen seid und wir danach Kartoffelbrei mit Würstchen verschlingen durften. Dass du uns bis heute Grußkarten schreibst, wenn wir durchhängen. Nein Opa, das ist nicht selbstverständlich. Das ist ein Geschenk.

    Opa Gerhard an seinem 93. Geburtstag. Foto: Meike Schmid

    Ja, wir beide lachen viel zusammen. Wir lernen auch von dir. Handfestes wie Vokabeln oder Rommé, bei dem wir früher bis zu fünf Pfennig verdienen konnten. Vor allem aber Eigenschaften wie Dankbarkeit, Zuversicht und Zufriedenheit. Klingt kitschig, ist aber wahr.

    Du hattest es in deinem Leben oft nicht leicht. Während ich mich als Teenager über nervige Lehrer aufregen durfte, musstest du als junger Mann in den Krieg. Und dann, kurz vor Ende, erwischt dich dieser Granatsplitter im Bein. Seitdem ist es steif - und du trägst die Erinnerung an diese schreckliche Zeit mit dir herum. Beklagt hast du dich nie. Weißt du noch, deine Geschichte? Zwei Landfrösche fallen in eine Milchtonne. Du warst nicht der eine, der entmutigt aufgegeben hat. Du hast gestrampelt und die Milch zu Butter gemacht, um festen Boden unter den Füßen zu bekommen.

    Wir sprechen oft darüber, wie sich die Welt entwickelt, welche Lehren der Mensch aus der Vergangenheit zieht - oder eben auch nicht. Mit 93 Jahren ist dir die Zukunft nicht egal. Das zeigt auch deine Mail an alle fünf Enkel, unbedingt bei der Europawahl für die Demokratie wählen zu gehen. Was dich und deinen Kopf so fit hält? Wir Enkelkinder, sagt Staatsminister Herrmann. Du wirst sagen: viel Humor, ab und zu ein roter Bocksbeutel und gutes Essen. Natürlich ohne Grünfutter, du bist "ja kein Hase".

    Großeltern vermitteln Wissen über zwei Generationen hinweg, damit hat die Staatsregierung den neuen Feiertag begründet. Natürlich ist uns beiden klar, dass dieser Tag vor allem die Blumen- und Pralinenindustrie unterstützen wird. Und dass Politiker die ältere Generation stattdessen mit höheren Renten oder besseren Pflegebedingungen wertschätzen könnten. Dennoch hat Herrmann Recht. Du vermittelst Wissen. Lebenswissen.

    Ich hatte Glück, bin mit wunderbaren Großeltern aufgewachsen. Du bist der Einzige, dem ich das noch persönlich sagen kann. Nicht nur am zweiten Oktobersonntag. Eines kann ich dir versprechen: Ich halte dich weiterhin jung! Darauf stoßen wir mit einem Ramazzotti an - natürlich ohne Eis. Den passenden Trinkspruch habe ich schon. Es ist ein Schüttelreim aus deiner Feder, der uns beiden aus der Seele spricht: Wir hoffen, dass die heile Welt / noch eine ganze Weile hält.

    Deine Meike

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