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    BERLIN

    Samstagsbrief: Plagen Sie Selbstzweifel, Frau Merkel?

    2017 verlief für die Kanzlerin nicht wie geplant. Benjamin Stahl fragt sie, wie sie sich - nur geschäftsführend im Amt -... Foto: Maurizio Gambarini (dpa)

    Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, es war im Herbst 2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, da schlug mir ein Leser per E-Mail eine Wette vor: „Bis zum Jahreswechsel ist Merkel entmachtet“, schrieb er. Ich habe das Wetten bleiben lassen. Albern und unseriös fand ich den Vorschlag und seine Formulierung zu möchte-gern-revolutionär. Dabei hätte ich die Wette gewonnen: Weihnachten verging, eine Woche später hielten Sie Ihre traditionelle Neujahrsansprache – und blieben Kanzlerin. Kritisiert, aber mächtig; schwer greifbar, aber noch schwerer angreifbar; umstritten, aber irgendwie alternativlos.

    Sie sind es bis heute. Vielleicht etwas weniger mächtig, etwas leichter angreifbar, etwas weniger alternativlos. Nur noch geschäftsführend im Amt. Aber Bundeskanzlerin. Dennoch müssen Sie in den vergangenen zwei Jahren gespürt haben, wie Ihre Macht und Ihr Rückhalt bröckeln. In der Partei, in der Union, im Land, in Europa. Ich habe mich immer gefragt, wie Sie damit umgehen.

    Machen Sie sich Sorgen, wenn laut einer aktuellen Umfrage fast jeder zweite Deutsche will, dass Sie Ihren Posten vor Ende der Wahlperiode 2021 räumen? Werden Sie wehmütig beim Gedanken an die Titelseiten vergangener Tage, auf denen die in Fußballstadien jubelnde Angela Merkel abgebildet und als Mutter der Nation gefeiert wurde? Werden Sie wütend, wenn Horst Seehofer – eigentlich Ihr Verbündeter – Ihre Regierung mit einer „Herrschaft des Unrechts“ vergleicht? Trifft es Sie, wenn Edmund Stoiber Ihnen, der Europabefürworterin, in Kreuth zuruft „Du machst Europa kaputt“? Finden Sie es unfair, wenn Ihre Kanzlerschaft auf Ihre Flüchtlingspolitik reduziert wird? Und hinterfragen Sie diese Politik, wenn ein Asylbewerber straffällig wird? Beschlichen Sie Selbstzweifel – was aus meiner Sicht angebracht gewesen wäre –, als die Angehörigen der Berliner Terroropfer beklagten, dass Sie ihnen „auch fast ein Jahr nach dem Anschlag weder persönlich noch schriftlich kondoliert“ hätten? Was macht es mit Ihnen, wenn Sie bei Wahlkampfauftritten übel beschimpft werden? Nimmt Sie am Ende solcher Tage Ihr Ehemann in den Arm und sagt „Wir schaffen das“?

    Entschuldigen Sie, diese letzte Frage mag spöttisch klingen, sie ist aber ganz ernst gemeint. Denn ich stelle mir vor, dass Sie in Ihrem Berufsalltag zwar nie allein, aber doch häufig einsam sind. Und wer wünscht sich nach einem miesen Tag im Büro nicht jemanden, der einem nach Feierabend zuhört oder auf andere Gedanken bringt? Vielleicht auch auf den Gedanken, die Brocken hinzuwerfen?

    Am Jahresende stellt man ja immer die Frage nach der Zukunft. Wie stellen Sie sich Ihre vor? Im Oktober wurde Ihr Mann, der Professor, an der Berliner Humboldt-Universität emeritiert. Ich glaube, dass Sie beide zumindest darüber nachgedacht haben, wie es wäre, wenn auch Sie, Frau Bundeskanzlerin, im Herbst 2017 in Rente gingen. Der alljährliche Urlaub in Südtirol hätte 2018 ausgedehnter ausfallen können. Erstmals seit Jahren ohne die Befürchtung, das rot-weiße Kachelhemd gegen den Blazer eintauschen zu müssen, weil die Weltpolitik nach der deutschen Kanzlerin verlangt. Sie haben sich anders entschieden. Vermutlich, weil Ihnen ein Abgang in unruhigen Zeiten wie ein Scheitern vorgekommen wäre. Und vermutlich auch, weil Sie Ihre Nachfolge gerne selbst organisieren wollen. Sicherlich wären Sie diese Aufgabe im Jahr 2018 lieber aus einer anderen Position heraus angegangen: als frisch wiedergewählte Kanzlerin, Chefin einer stabilen Regierung.

    Daraus wurde nichts und so blicken Sie und mit Ihnen Deutschland in eine Kristallkugel, die die Zukunft alles andere als glasklar zeigt. Ob es wirklich zu einer Neuauflage der Großen Koalition kommt, die vor Kurzem gefühlt niemand und jetzt gefühlt jeder will, ist unsicher. Neuwahlen sind genauso denkbar. Würden Sie dann tatsächlich noch einmal antreten, wie Sie sagen? Aus der FDP war ja nun zu hören, dass sich die Liberalen ein Bündnis mit der Union unter der Voraussetzung vorstellen könnten, dass Sie Platz für Jens Spahn machen. Ziehen Sie das in Erwägung? Vielleicht auch einen Abgang auf Raten, wie einst Konrad Adenauer? Der hatte sich nach großen Verlusten bei der Bundestagswahl 1961 von der FDP zwar erneut zum Kanzler wählen lassen, allerdings unter der Bedingung, dass er die Macht im Laufe der Legislaturperiode abgibt.

    In einigen Stunden flimmern Sie wieder über Millionen deutsche Fernsehbildschirme. Dass Ihre Neujahrsansprache meine Fragen beantwortet, glaube ich nicht. Sie werden staatstragend Zuversicht ausstrahlen und betonen: „Deutschland braucht eine starke Regierung!“ Das war übrigens 1961 ein Wahlkampfslogan der CDU. Ob, und wenn ja, wie lange Sie eine solche Regierung anführen werden – ich würde auch heute nicht darauf wetten.

    Egal, wie es kommt: Für 2018 wünsche ich Ihnen eine glückliche Hand. Für Deutschland und für Sie ganz persönlich.

    Mit freundlichen Grüßen

    Benjamin Stahl, Redakteur

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