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    Würzburg

    Samstagsbrief: Steht die Messstation in Würzburg richtig, Herr Resch?

    Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe Foto: Michael Kappeler, dpa

    Sehr geehrter Herr Resch,

    dass die Deutsche Umwelthilfe (DUH) vor Gericht ein Diesel-Fahrv erbot für einen Teil des Würzburger Stadtrings erstreiten will, hat in unserer Leserschaft die Emotionen hochkochen lassen. Einige meinten, die Klage der DUH sei "der einzige Weg, damit sich in Würzburg was tut" in Sachen Verkehrswende. Zu schleppend geht diesen Lesern der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und des Radwegenetzes voran. Andere schreiben, sie könnten über Ihren Verein nur "den Kopf schütteln", werfen der DUH "vorschnelles Handeln", "Panikmache" und "Populismus" vor. Einer meinte, Sie, Herr Resch, wären "ein guter Kandidat für einen Samstagsbrief", den wir jede Woche an eine Person schreiben, die von sich Reden gemacht hat. Hier ist er also, der Brief.

    Schon seit gut 30 Jahren sind Sie Bundesgeschäftsführer der DUH. So viel Aufmerksamkeit wie heute hatten Sie aber nie. Der Diesel-Skandal wirkte für die Bekanntheit der DUH wie ein Turbolader. Was die Autoindustrie sich da geleistet hat und wie sie nun mit der Angelegenheit umgeht – da sind wir uns einig –, ist unfassbar und dreist. Seit Monaten beschäftigen Sie nun aber deutschlandweit die Gerichte und erstreiten Fahrverbot für Fahrverbot. Und an dieser Stelle fühle ich mich unseren Lesern näher, der über die DUH den Kopf schüttelt.

    Um der Rückfrage vorzugreifen: Ja, ich fahre einen Diesel. Schadstoffnorm Euro 5. Aber auch Diesel-Fahrer haben Lungen und damit ein Interesse an sauberer Luft. Lassen wir also mein Auto in der Garage und fragen ganz unvoreingenommen: Auf welcher Basis bewegt sich die DUH mit ihren Klagen überhaupt?

    In Deutschland darf der Anteil von Stickstoffdioxid (NO2), das Diesel-Motoren erzeugen, nicht den Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft übersteigen. Wenn Sie also nun auf Einhaltung dieses Grenzwertes klagen, ist das Ihr gutes Recht. Aber ist es auch richtig? Die geltenden Grenzwerte: sind umstritten. Die Folgen von Diesel-Abgasen für die Gesundheit: sind umstritten. Selbst die Stationierung der Messstationen, die die Feinstaub- und NO2-Grenzwerte ermitteln: umstritten. Und zwar nicht nur bei Diesel-Fahrern, sondern auch unter Experten. Da fragt man sich, wo Sie so viel Sicherheit hernehmen, um voller Überzeugung zu behaupten, dass Dieselfahrzeuge die Hauptschuld an mehr als 800 000 jährlichen Diabetes- und Asthma-Neuerkrankungen sowie an knapp 13 000 vorzeitigen Todesfällen tragen.

    Aber der Reihe nach: Zwar liegt dem NO2-Grenzwert eine Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation zugrunde, die ja nun auch kein Zusammenschluss von Ahnungslosen ist. Die WHO hat aber die Grenzwerte auf der Basis von Auswertung von Krankheitsstatistiken einfach geschätzt. Die Schlussfolgerung die daraus gezogen wurde, halten Mediziner für nicht haltbar. "Es gibt keinen einzigen Todesfall, der kausal auf Feinstaub oder NO2 zurückzuführen wäre", meint etwa der Vorsitzende der Süddeutschen Gesellschaft für Pneumologie, Professor Martin Hetzel. Er spricht von "konstruierten mathematischen Modellen".

    Und dann ist da noch die Sache mit den Messstationen. Versuche haben gezeigt, dass sich die Ergebnisse dieser Stationen leicht beeinflussen lassen. Je nachdem, wie weit sie zum Beispiel von Gebäuden oder Ampeln entfernt stehen, variieren die Werte massiv. Selbst die Position des Ansaugstutzens, der die auszuwertende Luft einfängt, spielt eine Rolle. Haben Sie eigentlich einmal überprüft, ob die Messstation in Würzburg richtig steht? Unsere Leser fragen sich aus meiner Sicht zurecht, ob die hohen Werte am Stadtring nicht vielleicht aus "den langen Staus" resultieren, die wiederum Folge einer optimierungswürdigen Ampelschaltung sein könnten.

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    Noch eine Frage, Herr Resch: Haben Sie sich eigentlich schon einmal Gedanken über die Folgen von Diesel-Fahrverboten gemacht? Es ist ja nicht so, dass dann alle Diesel stehen bleiben würden. Die Fahrer würden nur andere Strecken, vermutlich längere Umwege nehmen. Eine gute Idee? Und wer und wie soll die Fahrverbote kontrollieren? In Hamburg, wo Sie für das erste Diesel-Fahrverbot gesorgt haben, hat die Polizei bereits eingeräumt, nur in "unregelmäßigen Abständen" Kontrollen durchzuführen. Kein Wunder, dass die Werte in der Hansestadt nicht fallen, oder?

    Herr Resch, ich glaube, Sie berufen sich nicht auf wasserdichte wissenschaftliche Erkenntnisse. Eher auf Interpretationen, die Ihnen passen. Auf Theorien und "konstruierte mathematische Modelle". Eigentlich komisch. Die FAZ zitierte Sie einmal angesichts manipulierter und nicht unter Realbedingungen vorgenommener Abgasmessungen der Autobauer: "Die Luftreinhaltepläne", die dafür sorgen sollen, dass die von der EU festgelegten Grenzwerte für Luftschadstoffe eingehalten werden, "sind für die Realität und nicht fürs Labor gemacht". Gerade sind Sie genauso hypothetisch unterwegs, wie die Autobauer.

    Mit freundlichen Grüßen

    Benjamin Stahl, Redakteur

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