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    Würzburg / Gelchsheim

    Samstagsbrief an PETA: Nerven Sie weiter im Schweineskandal!

    Dr. Edmund Haferbeck ist seit 2004 Leiter der Rechts- und Wissenschaftsabteilung bei PETA Deutschland e.V. Foto: PETA Deutschland e.V.

    Sehr geehrter Herr Dr. Haferbeck, in dieser Woche sind Sie von der Justiz bitter überholt worden. Am Dienstag haben Sie Ihre Pressemitteilung verschickt: „PETA legt Beschwerde gegen Einstellung des Verfahrens ein“. Sie wollten es nicht damit bewenden lassen, dass die Ermittlungen gegen einen Schweinehalter aus dem Landkreis Würzburg eingestellt werden, dass der grausame Tod von mehr als 2000 Schweinen in seinem Stall in Gelchsheim nicht vor Gericht kommen soll. „Angeklagter nach Ansicht der Tierrechtsorganisation voll schuldfähig“, schrieben Sie über Ihre Mitteilung. Und forderten, dass die Ermittlungen wiederaufgenommen werden, dass doch Anklage erhoben und ein Obergutachter bestellt wird.

    Tja. Mit dieser Nachricht waren Sie bereits zu spät. Keine Woche vorher hat der Generalstaatsanwalt entschieden: Ihrer Beschwerde gibt er keine Folge. Mit der Einstellung des Ermittlungsverfahrens gegen den Landwirt „muss es sein Bewenden haben“. Den Bescheid aus Bamberg haben Sie selbst erst am Donnerstag erhalten. Wäre die Post mal zwei Tage früher gekommen, Sie hätten sich die Pressemitteilung sparen können.

    "Justizskandal nach Schweineskandal"

    Wobei, Sie hätten sich die sicher nicht gespart. Sie hätten sie nur umgeschrieben. Sie hätten es plastisch und drastisch im PETA-Stil vielleicht so formuliert: Sprachlos machendes Verbrechen bleibt ungesühnt. Oder: Justiz lässt Landwirt nach Tötung von 2000 Schweinen davon kommen. Oder: PETA-Beschwerde zurückgewiesen – Tierrechtsorganisation kritisiert Generalstaatsanwaltschaft nach Fehlentscheid scharf. Oder einfach ganz kurz: Justizskandal nach Schweineskandal.

    PETA gibt es in Deutschland jetzt seit genau 25 Jahren. Seit 1994 setzt sich der Verein als größte Tierschutzorganisation des Landes für die Rechte aller Tier ein. Oft ziemlich lautstark, ziemlich plakativ. Auch ziemlich unbequem. Sagen wir es so: Sie gehen vielen Leuten auf die Nerven. Verschicken ständig Pressemitteilungen, veröffentlichen schockierende Bilder von gequälten Tieren. Sie sind gegen alles. Schreiben einem vor, was auf den Teller zu kommen hat, was man nicht mehr anziehen darf, wie man leben soll. Kein Fleisch essen, kein Leder tragen, keine Hautcreme benutzen, die im Tierversuch getestet wurde. Veganes Joghurt löffeln statt ins Wurstbrötchen beißen. So was eben, ständig. Das nervt. Und dann noch Sachen wie Stalleinbrüche und illegal gedrehte Videos von Tierquälereien.

    Was PETA macht: Tierquäler anzeigen, Missstände anprangern 

    Sehr geehrter Herr Dr. Haferbeck, als Leiter der Wissenschafts- und Rechtsabteilung von PETA Deutschland können Sie davon viel erzählen. Sie klagen Menschen an, die Tiere quälen. Sie zeigen an. Und Sie erleben heftigen Gegenwind von Vertretern der Branchen, die aus der Ausbeutung von Tieren Profit schlagen. „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du“, soll Mahatma Gandhi gesagt haben. Und PETA, das sagen Sie im Jubiläumsjahr selbst, stößt nicht mehr auf Ignoranz. Sondern erlebt den Widerstand.

    Aber gewinnt noch nicht. Und scheitert, so wie mit der Beschwerde im unfassbaren Fall der 2000 langsam verreckten, qualvoll krepierten Gelchsheimer Schweine.

    Man muss nicht ausgewiesener Tierfreund sein, um sich mit Ihnen zu fragen: Wie kann es sein? Wie kann all das nur sein? Wie kann es sein, dass jemand über Monate hinweg – ob in psychischer Ausnahmesituation oder nicht - dem Todeskampf seiner Tiere zuschaut? Wie kann es sein, dass jemand hinnimmt, dass sich die Schweine aus schierer Not gegenseitig auffressen? Wie kann es sein, dass das gesamte Umfeld nicht mitbekommen haben will und soll? Was ist mit Familie, Veterinären, Kontrolleuren? Und wie, wie nur kann es jetzt sein, dass der Rechtsstaat da nicht anders eingreift und Konsequenzen zieht? Wie kann es sein, dass wegen eines angeblichen Formfehlers der Tierhalter, der seine Fürsorgepflicht so brutalst verletzt, verhöhnt hat, nicht finanziell belangt wird? Sondern weiter wirtschaften darf als sei nichts gewesen?

    Verantwortliche gibt es - sie müssen zur Rechenschaft gezogen werden

    Sehr geehrter Herr Dr. Haferbeck, wie hätte die Pressemitteilung gelautet, hätten Sie die Entscheidung des Generalstaatsanwalts, dass der Fall endgültig ad acta gelegt wird, am Dienstag schon erhalten? Nach jedem Tierskandal – gleich ob in Gelchsheim im Schweinestall oder in Bad Grönenbach in den Rindergroßbetrieben – sind Entsetzen und Empörung groß. Und nach jedem Tierskandal scheint sich nichts zu verbessern. Dass aber die Justiz den Missständen nicht nachgeht, dass sie die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft zieht, damit endlich gelernt wird aus den Fehlern - man kann es schlicht nicht begreifen.

    Es bleibt nur die eine Bitte an Sie, an Peta: Nerven Sie weiter, lassen Sie nicht nach. Nehmen Sie die Ablehnung der Beschwerde nicht hin, gehen Sie nach München - und veranlassen sie die nächste Aufsichtsbeschwerde beim Justizministerium. Den Tieren und der Gerechtigkeit zuliebe.

    Mit besten Grüßen, 

    Alice Natter, Redakteurin

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