• aktualisiert:

    WÜRZBURG

    Angela Merkel hat einen würdigen Abgang verdient

    Angeschlagen
    Angekündigter Ausstieg: Nach dem Wahldebakel der CDU in Hessen will Bundeskanzlerin Angela Merkel den Parteivorsitz abgeben. Foto: Kay Nietfeld

    Angela Merkel geht, bevor sie aus dem Weg geräumt wird. Sie geht aber auch, um bleiben zu können. Nach 18 Jahren macht sie als CDU-Chefin Schluss. Sie nutzt ihre allerletzte Chance auf einen souveränen Abgang. Doch als Kanzlerin hat Merkel noch eine letzte Mission. Sie will ihr Kapitel in der deutschen Geschichte mit Würde zu Ende schreiben. Die Frage ist, ob ihre Partei sie auch lässt.

    Merkel hat die CDU verändert wie niemand vor ihr. Nach der Abwahl von Helmut Kohl und der Spendenaffäre übernahm sie einen Trümmerhaufen. Sie führt die angestaubte Partei konsequent in die Mitte – und zurück ins Kanzleramt. Sie wird zur mächtigsten Frau der Welt, zum Stabilitätsanker und Garanten für Wahlsiege. Merkel steuert das Land gelassen durch viele Krisen. Die Deutschen setzen darauf, das „Mutti“ sich schon um alles kümmern wird – ohne Eitelkeiten, ohne Show, beinahe präsidial. Und solange ihr pragmatischer Kurs dem Machterhalt dient, trägt auch die CDU ihn klaglos mit. Doch als die Erfolge ausbleiben, beginnt sich der Widerstand zu formieren. Ihre Sprachlosigkeit in der Flüchtlingskrise macht die internen Frontlinien dann unübersehbar.

    Sie hinterlässt eine gespaltene, eine ratlose Partei

    Am Ende hinterlässt die 64-Jährige eine gespaltene, eine ratlose Partei. Eine Partei, der sie nichts mehr zu sagen hatte. Ihre Nachfolge hat Merkel längst nicht mehr selbst in der Hand. Kaum war ihr Rückzug durchgesickert, kamen gleich reihenweise Kandidaten aus der Deckung, als hätten sie nur darauf gelauert.

    Sollte die CDU einen von Merkels Widersachern – Friedrich Merz oder Jens Spahn – an die Spitze wählen, wird es für sie nahezu unmöglich, bis zum Ende der Legislaturperiode Kanzlerin zu bleiben. Schließlich verkörpern die beiden Konservativen die Sehnsucht nach einer CDU, wie sie war, bevor „die Frau aus dem Osten“ den ganzen Laden auf links drehte. Und selbst wenn jemand aus dem „Team Merkel“ das Rennen macht, ihre Vertrauten Annegret Kramp-Karrenbauer oder Armin Laschet, dürfte der Druck auf die Regierungschefin steigen, ihren Platz im Kanzleramt möglichst bald freizumachen.

    Denn klar ist ja auch: Der nächste CDU-Chef ist auch der nächste Kanzlerkandidat und will sich bestenfalls noch vor der Bundestagswahl im Amt profilieren. Und so könnte die Ära Merkel schon in einem Jahr endgültig vorbei sein, wenn Union und SPD ihre Halbzeitbilanz ziehen – sofern die Große Koalition überhaupt so lange durchhält.

    Sie hat den richtigen Zeitpunkt verpasst, um zu gehen

    Merkel ist eine kühle Analytikerin. Sie weiß, dass ihr Rückzug auf Raten mit einem Autoritätsverlust verbunden ist. Nicht umsonst hatte sie stets betont, dass Parteivorsitz und Kanzleramt in eine Hand gehören. Nun muss sie sich selbst eingestehen, dass ein Neuanfang nicht am Reißbrett zu planen ist. Das zeugt von Größe. Nach dem katastrophalen Absturz der vergangenen Jahre blieb Merkel aber auch kaum eine andere Wahl. Sie hat den richtigen Zeitpunkt verpasst, um zu gehen.

    Vielleicht hielt sie sich tatsächlich irgendwann selbst für alternativlos. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie in den unruhigen Zeiten, in denen wir leben, Ruhe bewahren wollte. Dass Merkel jetzt den Weg für etwas Neues (oder auch etwas Altes) freimacht, verdient Respekt. Sie hat es ihrer Partei erspart, sie vom Hof jagen zu müssen. Aber mit allzu großer Dankbarkeit in der CDU sollte sie eher nicht rechnen.

    Schafft sie es loszulassen, bevor sie losgerissen wird?

    Die erste Frau an der Spitze einer Bundesregierung will auch die erste sein, die das Kanzleramt aus freien Stücken verlässt. Die es schafft, loszulassen, bevor sie losgerissen wird. Was man eines Tages über diese Kanzlerin und CDU-Chefin erzählen wird, hängt auch davon ab, ob ihr ein würdiger Abgang gelingt. Verdient hätte sie ihn.

    Von Michael Stifter red.politik@mainpost.de

    Kommentare (14)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!