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    BERLIN

    Deutschland ist die Zukunftswerkstatt

    In Deutschland gibt es einen ausgeprägten Hang, Risiken vor Chancen zu betonen. Skepsis ist Volkssport. Oft ist das Land zwischen Selbstkritik und Zuversicht hin- und hergerissen, was sich treffend an einem von der Gesellschaft für deutsche Sprache ermittelten Wort des Jahres ablesen lässt: 1997, als das Land sich schmerzhaft an die Globalisierung anpasste, rangierte „Reformstau“ auf Platz eins. Eine Position dahinter fand sich schon der vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog beschworene Ruck, der durch Deutschland gehen müsse, ein.

    Am Ende ging durch Deutschland ein Ruck – und was für einer: Die Unternehmen reformierten sich selbst und trugen entscheidend dazu bei, dass die Exportnation Deutschland bis heute bärenstark ist.

    Wir stecken nicht in einem Innovationsstau fest

    Gut 20 Jahre später beklagen manche einen Innovationsstau. Das Land stelle sich auch wegen mangelnden politischen Anschubs zu zaghaft auf die Digitalisierung um. Wenn es etwa um künstliche Intelligenz gehe, würden uns Chinesen und Amerikaner abhängen. Ja, was sei schon Siemens gegen Google. So könnte doch bald wieder ein Ruck, heute dann ein Digital-Ruck gefordert werden.

    Im Jahr 1997 hatten diese präsidialen Ermahnungen noch eine reinigende Wirkung. Schließlich beendete 1998 der Rucki-Zucki-Sozialdemokrat Gerhard Schröder die bleiernen Reformstau-Jahre der späten Kanzlerschaft Helmut Kohls.

    Im Winter der Ära Angela Merkel steckt Deutschland, anders als dies immer wieder behauptet wird, aber nicht in einem Innovationsstau fest. Wer hier nur auf Missstände wie Funklöcher und zu langsames Internet in manchen Regionen verweist, blendet einen Großteil der Wirklichkeit aus. Denn Deutschland ist, wie das Weltwirtschaftsforum herausgefunden hat, vor den USA das innovativste Land der Welt – und das trotz Google, Apple, Amazon und Co. Bei der Studie wurde unter anderem die Zahl der angemeldeten Patente und wissenschaftlichen Veröffentlichungen, aber auch die Zufriedenheit der Kunden mit Produkten bewertet.

    Letzterer Punkt ist entscheidend für die Stärke der Wirtschaftsnation: Denn deutsche Firmen schlagen amerikanische und chinesische Rivalen, wenn es darum geht, Software, Elektronik und Blech miteinander in höchster Qualität zu verheiraten. Wir sind Meister im Bau komplizierter Systeme, seien es Laser-Schneidemaschinen von Trumpf oder Autos von BMW, Audi oder Mercedes, in denen Solidität und technische Raffinesse eine Ehe eingehen. Und Siemens ist bei der industriellen Digitalisierung Weltmarktführer.

    Unsere mittelständischen Tüftler müssen sich nicht verstecken

    Dabei gibt es in Deutschland tausende mittelständische Tüftler-Firmen, deren Leistung in der Summe sich vor amerikanischen IT-Riesen nicht zu verstecken braucht. Daher lobt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Deutschland, mahnt jedoch, das Land müsse mehr Druck für den digitalen Wandel machen.

    Doch viele deutsche Hidden Champions sind längst digital unterwegs, hier herrscht Dauer-Hochzeit: Blech und Software gründen Familien. Die Firmen nutzen zum Teil die Vorteile künstlicher Intelligenz, greifen also auf selbst lernende Maschinen zurück.

    Deutschland ist, was diese Technologie betrifft, also kein Entwicklungsland, auch wenn das suggeriert wird. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel hat erkannt, dass der Staat die Pflänzchen fördern muss. Deswegen sollen drei Milliarden Euro für künstliche Intelligenz fließen. Das sind keine „Peanuts“. Es handelt sich um eine ordentliche, wenn auch ausbaufähige Summe für ein Land, das die Zukunft anpackt. Dabei sind es gerade weltweit aktive Mittelständler, die im blühenden deutschen Tüftler-Valley ihre Chancen nutzen.

    Von Stefan Stahl red.politik@mainpost.de

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