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    Gastbeitrag: „Denn sie wissen nicht, was sie tun“

    Vor wenigen Wochen starb der bekannte Soziologe Ulrich Beck. Bereits in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts prägte er die Vision einer Risikogesellschaft und beschrieb diese so eindringlich, wie wir sie heute tatsächlich vorfinden. In seiner „Logik der Risikoverteilung“ beschreibt er Risikoszenarien, die klassenlos sind und aufgrund ihrer Pluralität jedes Individuum treffen können. Die weltweite Globalisierung hat als Begleiter zur Entwicklung ökonomischer Wohlfahrt auch eine weltweite Risikoverteilung mit sich gebracht. In der nun uns treffenden Logik der Risikoverteilung ist die Zahl der uns täglich bedrohenden Brandherde selten so groß gewesen wie in diesen Tagen.

    Ökonomisch wie politisch, soziologisch wie psychologisch offenbaren sich Herausforderungen, die schnell zu Krisen, im schlimmsten Fall zu Katastrophen führen können. Griechenland fordert die Stabilität des Euroraumes und seiner Währung heraus, der Ukraine-Konflikt zwischen Russland und dem Westen fordert täglich Menschenleben und längst vergessenes Kriegsleid, islamistische Terrorattacken fordern den Zusammenhalt ganzer Gesellschaften ein und provozieren fehlgeleitete und von Rechtsextremen ausgenutzte, politische Bewegungen. Dabei operieren die beteiligten Parteien nach den Maximen einer die Reaktion der Gegenpartei berücksichtigenden ökonomischen Entscheidungstheorie in Form der sogenannten Spieltheorie. Grundlage der Spieltheorie ist die wichtige Einsicht, dass jegliche Reaktion auf eine Aktion die dadurch induzierte Reaktion wieder berücksichtigen muss. Analog zum Schachspiel impliziere ich mit meinem Zug die dadurch erwarteten Gegenzüge meines Kontrahenten.

    In der Spieltheorie nennt man diese Situation „Chicken Game“ oder „Feiglingsspiel“. Zwei Autos rasen aufeinander zu, und wer von den Fahrern zuerst ausweicht, hat das Spiel verloren. Bekannt wurde dieses perfide Spiel durch den berühmten Film „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ mit James Dean in der Hauptrolle. Zwei Männer fahren mit ihren Autos auf einen Abgrund zu und wer zuerst aus dem Auto springt, hat verloren. Wie schon der Filmtitel andeutet, kann es bei diesem spieltheoretischen Problem ausschließlich Verlierer geben.

    Wissen die Protagonisten unserer Tage, was sie tun? Sobald sich der forsche Kollisionskurs Griechenlands durchsetzt (der griechische Finanzminister ist studierter Ökonom mit dem Spezialgebiet Spieltheorie), werden in anderen südlichen Ländern (Spanien, Italien, etc.) die gleichen Interessen aufkeimen – die politischen Erfolge der spanischen Anti-Europa Partei Podemos oder des französischen Front National bestätigen diese Erwartungshaltung bereits. Der Euroraum als wirtschaftspolitischer Binnenmarkt und Gegengewicht zu den bedeutenden nordamerikanischen und asiatischen Wirtschaftsräumen wäre dann Makulatur. Bleibt dagegen Brüssel und die EZB ihrem Kollisionskurs treu, kommt es über kurz oder lang zum Ausscheiden Griechenlands aus der EU (sog. Grexit) mit umfangreichen Folgen für den europäischen Kapitalmarkt sowie für den Euro, der als gemeinsame Währung weiter extrem an Wert und Bedeutung in der Weltwirtschaft verlieren würde. Wie also dieses „Feiglingsspiel“ lösen?

    Das bereits genannte „Chicken Game“ findet sich analog in der Ukraine-Krise. Putin versus Westen lautet hier die weltpolitische Gemengelage mit ebensolchem Zündstoffcharakter. Während die widerrechtliche Annexion der Krim de facto bereits akzeptiert ist, rückt Russland in seinem Bestreben, Territorialverluste des letzten Jahrhunderts wieder rückgängig zu machen, weiter voran. Gibt der Westen nun die Ostukraine als Freihandelszone preis, erfolgt eine Bestätigung dieser Politik und nährt damit neue Spekulationen, welches souveräne Land als nächstes in den historisch getriebenen russischen Anspruchsblick gerät. Zeigt sich der Westen dagegen für die historisch zu verstehende Situation Russlands uneinsichtig und beliefert die Ukraine mit Waffen, eskaliert der Krieg mit tausendfachem Leid und der Möglichkeit einer weiteren Ausbreitung in die bereits angedeuteten Nachbarstaaten. Wie also dieses Feiglingsspiel („Wer zuerst einknickt, hat verloren.“) lösen?

    Die Frage des Zeitpunkts und der Schärfe von Aktion und angemessener Reaktion zeigt sich in gleicher Form bei allen anderen Krisenherden dieser Erde. Ob es nun die Frage der Reaktion auf islamistischen Terror oder die Frage der richtigen Antwort auf politisch und gesellschaftlich fehlgeleitete Gruppierungen ist – in allen Fällen muss jede unserer Reaktionen auf Bedrohungen und Risikoszenarien wieder die zu erwartende Reaktion des Risikoverursachers berücksichtigen. Während jegliches Unrecht angeprangert und bekämpft werden muss, kann bei den genannten spieltheoretischen Problemen der „Chicken Games“ eine Lösung nur durch geschickte, das Gesicht aller Beteiligten wahrende und die menschliche Würde nie verletzende Diplomatie und Überzeugung erfolgen.

    Unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit wurde der Mensch als Abbild Gottes geschaffen – diese von Gott geschenkte Würde ist uns allen zuteil und sollte uns in einer gemeinsamen Konsenssuche leiten. Ob nun Politiker in ihrer Verantwortung für ihre Bürger, Prediger in ihrer Verantwortung für ihre Gläubigen oder Eltern in ihrer Verantwortung für ihre Kinder – alle müssen bei ihren Entscheidungen das menschliche Wohl, die menschliche Würde und das uns allen von Gott geschenkte Leben im alleinigen Blickfeld haben. In einer Risikogesellschaft ist die konsensorientierte Auseinandersetzung der ethisch alleinige Weg, die Existenz und die Würde eines von Gott allein geschenkten Lebens zu erhalten. Nach Ulrich Beck ist Risiko ein Konstrukt unserer Wahrnehmung – gehen wir alle mit den Risiken des Lebens in der uns von Gott geschenkten Bestimmung um und lösen auf diesem Weg das eigentlich unlösbare „Chicken Game“.

    Matthias Müller-Reichart

    Der Wissenschaftler ist Professor für Risikomanagement an der Hochschule RheinMain, Studiendekan der Wiesbaden Business School und Einzelhändler in Würzburg. Matthias Müller-Reichart, der Betriebswirtschaftslehre und katholischen Theologie studiert hat, ist Autor von über 100 Veröffentlichungen im Rahmen der Versicherungswirtschaft und des Risikomanagements und Berater zahlreicher nationaler und internationaler Versicherungsunternehmen. FOTO: privat

    reda

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