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    Würzburg

    Gastbeitrag: Was die Hauptursache von Hunger und Flucht ist

    Ehemalige Entwicklungshelfer um den Würzburger Pfarrer Werner Schindelin kritisieren die "jahrzehntelange falsche Entwicklungspolitik" – und fordern Familienplanung.
    Halten die fehlende Familienplanung für die zentrale Ursache von Hunger, Flucht und Migration: Dr. Dieter Ehrhardt, Werner Schindelin und Dr. Rainer Rosenbaum. Foto: Daniel Biscan

    Wir halten die Bevölkerungsexplosion für eine entscheidende Ursache der menschenunwürdigen Lebensbedingungen in vielen Entwicklungsländern. Sie ist auch die Hauptursache für die derzeitigen weltweiten Flüchtlingsströme. Es läge daher im Interesse aller Staaten dieser Erde, wenn es gelänge, durch entsprechende Familienplanungsprogramme das Bevölkerungswachstum der betroffenen Länder mit den jeweils zur Verfügung stehenden Ressourcen in Einklang zu bringen. Denn die Zukunft der Menschheit dürfte durch die Bevölkerungsexplosion stärker bedroht sein als durch den Klimawandel.

    Unsere Bundesregierung vernachlässigt jedoch das Problem der Bevölkerungsexplosion (genauso, wie die meisten anderen Industriestaaten) in unverantwortlicher Weise. Wir fordern sie daher auf, zusammen mit anderen Industriestaaten und der UNO, die betroffenen Länder finanziell und organisatorisch massiv bei Familienplanungsprogrammen zu unterstützen. Denn das hierfür aufgewendete Geld wird wesentlich nachhaltiger zur Schaffung menschenwürdiger Lebensbedingungen in den betroffenen Ländern beitragen, als es die meisten andern Hilfsprogramme für diese Länder vermögen.

    Die Ausgangslage

    Derzeit leben bereits 7,6 Milliarden Menschen auf der Erde. Die Menschheit vermehrt sich, konzentriert auf die Entwicklungsländer, um über eineinhalb Millionen jede Woche. Das bedeutet einen Zuwachs von 230.000 Menschen pro Tag und einen jährlichen Zuwachs von über 80 Millionen, was in etwa der gesamten Bevölkerung Deutschlands entspricht. Die Bevölkerung in Afrika wird sich in den nächsten 30 Jahren von heute 1,3 Milliarden auf 2,6 Milliarden verdoppeln, und in einigen Ländern, wie Niger, sogar verdreifachen. Zur nächsten Jahrhundertwende erreicht die Weltbevölkerung mindestens elf Milliarden Menschen, vier Milliarden mehr als bisher.

    Falls allerdings die derzeitige Wachstumsgeschwindigkeit beibehalten wird, werden es im Jahr 2100 sogar 16,2 Milliarden Menschen sein (Deutsche Stiftung Weltbevölkerung). All diese Menschen brauchen Nahrung, Wasser, Wohnung und Kleidung, Schulen und Krankenversorgung, Arbeitsplätze und Altersversorgung.

    • "Überbevölkerung, Hunger, Migration – Unsere Mitverantwortung" – das ausführliche Thesenpapier der Gruppe Schindelin lesen Sie hier:

    Eine nachhaltige Versorgung der Bevölkerung bei solchen Wachstumsraten ist nicht möglich. Umso schlechter werden die Lebensbedingungen der Betroffenen. Auch die ohnehin bereits vorhandenen weltweiten Probleme wie Plünderung der Rohstoff- und Wasserreserven, Vernichtung von Naturflächen, Überfischung, Entwaldung usw. werden durch das explosive Wachstum der Weltbevölkerung wesentlich verstärkt. Einer ständig zunehmenden Bevölkerung stehen dadurch immer weniger Ressourcen zur Verfügung. Dies könnte am Ende im Extremfall zu einem Kampf aller gegen alle um die lebensnotwendigen Ressourcen und zu apokalyptischen Verhältnissen führen.

    Die Ursachen – und Ansätze zur Abhilfe

    Die Bevölkerungsexplosion ist laut UNO im Wesentlichen auf das Fehlen von Maßnahmen der Familienplanung und damit im Zusammenhang auf fehlende Sexualaufklärung und Sexualerziehung zurückzuführen. Dies dürfte sich erst ändern, wenn jeweiligen Führungsschichten, erkennen, dass eine Familienplanung letztlich auch in ihrem Interesse liegt – etwa um revolutionäre Entwicklungen zu vermeiden. Außerdem dürfte in den meisten Fällen auch eine kräftige finanzielle und organisatorische Unterstützung durch internationale Organisationen nötig sein. Die Industriestaaten sollten im eigenen Interesse – zur Vermeidung künftiger katastrophaler Völkerwanderungen – dafür großzügige finanzielle Beiträge leisten.

    Auch religiöse Widerstände sowohl in den betroffenen Ländern wie auch in den Unterstützer-Ländern (also vor allem den Industriestaaten) müssten beendet werden. Deshalb sollten die Vertreter aller Religionen die von einer weiteren Bevölkerungsexplosion ausgehenden Gefahren für die gesamte Menschheit erkennen und die dringend nötigen Familienplanungen in den betroffenen Ländern moralisch unterstützen. Gerade weil Religionen die Aufgabe haben, das Leben zu unterstützen und zu erhalten, sollten ihre Vertreter erkennen, dass dies am besten gelingt, wenn man in allen Ländern menschenwürdige Lebensverhältnisse schafft.

    Dies ist aber meist nur mit einer vernünftigen Familienplanung möglich. Wer dagegen der Natur durch schrankenlose Vermehrung ihren Lauf lassen will, muss dann auch in Kauf nehmen, dass die Natur das erforderliche Gleichgewicht (in Bezug auf die zum Überleben nötigen Ressourcen) durch Hunger, Krankheit und Kriege wieder herstellt. Da alle Weltreligionen beanspruchen auch Vertreter der Humanität zu sein, sollten sie auch anerkennen, dass Familienplanung die bei Weitem humanste Methode ist, um das (von den vorhandenen Ressourcen abhängige) Überleben der Menschen zu sichern.

    Alle Beteiligten auf nationaler und internationaler Ebene sollten vor allem endlich erkennen, dass das Problem Bevölkerungsexplosion durch weitere Untätigkeit exponentiell wächst und seine Bekämpfung damit immer aussichtsloser wird je länger man damit wartet.

    Die Autoren und ihr Aufruf
    Der Appell: Sie haben jahrzehntelange Erfahrung in internationaler Entwicklungszusammenarbeit und rufen jetzt – „aus christlicher Mitverantwortung“ – zum politischen Handeln auf. Eine siebenköpfige Gruppe von ehemaligen Entwicklungshelfern, Theologen und Ärzten um den Würzburger Pfarrer Werner Schindelin kritisiert in einem Thesenpapier „eine seit Jahrzehnten bestehende, falsche Entwicklungspolitik“. Die Bundesregierung, so ihr Appell, müsse sich in ihrer Entwicklungspolitik auf Familienplanungsprogramme konzentrieren.
     
    Zur „Gruppe Schindelin“ gehören der Arzt Dr. Marek Barczak, Agrarbiologe Dr. Gerhard Baumann, die Volkswirtin Ursula Erhard, der Arzt Dr. Rolf Schaffhauser sowie die Autoren dieses Gastbeitrags.
     
    Dr. Dieter Ehrhardt war stellvertretender Referatsleiter im Entwicklungshilfe-Ministerium und viele Jahre für den Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) in der Karibik, Kenia, der Türkei und im Südpazifik tätig, außerdem beigeordneter Sachverständiger für Bevölkerungspolitik und Familienplanung bei der EU in Brüssel für die 69 AKP-Staaten.
     
    Werner Schindelin ist Studiendirektor a. D., evangelischer Pfarrer und Initiator vieler Entwicklungsprojekte sowie Begründer mehrerer Hilfsinitiativen für Flüchtlinge und Asylsuchende.
     
    Dr. Rainer Rosenbaum ist Arzt und Entwicklungspolitiker und war in über 40 Ländern für internationale Organisationen, wie UNICEF und UNFPA tätig.
     

    Dieser Gastbeitrag ist eine Kurzfassung des Thesenpapiers, das die sieben Experten verfasst haben.

    Dr. Dieter Ehrhardt, Dr. Rainer Rosenbaum, Werner Schindelin

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