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    Berlin

    Gegen die Mauer in den Köpfen

    Die Mauer ist Geschichte, aber in den Köpfen existiert sie immer noch. Foto: Robert Günther, dpa

    Die Mauer, die sich 155 Kilometer lang schlängelte, beäugt von 302 Wachtürmen, bewacht von 259 Hundeanlagen, die eine Nation teilte, die Familien auseinanderriß, war eine der gruseligsten Erfindungen aller Zeiten. Sie zeigte, im Bösen, wozu Menschen fähig sind. Dass sie dann doch fiel und Menschen vor genau dreißig Jahren auf ihr tanzen konnten, zeigte aber auch, wozu Menschen fähig sind, im Guten. Den Satz „Die Mauer muss weg“  konnte damals jeder unterschreiben, jeder mitrufen.

    Es gibt immer noch eine Mauer

    Doch er steht heute im Präsens. Denn eine Mauer gibt es noch immer in Deutschland. Diese ist nicht aus Steinen gemauert, an ihr gibt es keine Wachzäune, keine Wachhunde. Diese Mauer ist in den Köpfen. Das macht die Sache aber nicht einfacher. Und scharf geschossen wird leider an ihr auch. Denn die Prämisse, dass Deutschland zu seinem Glück vereint sei und nun zusammen wachse was zusammengehöre, hat sich leider nicht ganz erfüllt – obwohl die Voraussetzungen vielleicht in der Weltgeschichte niemals so günstig waren. Der Rest der Welt blickte erst durchaus skeptisch auf das Wieder-Zusammenwachsen von Deutschland, dem Land der Nazi-Täter, letztlich aber doch wohlwollend – hier verdanken wir den Amerikanern viel. Es floß so viel Aufbau-Geld wie wohl nie in der Geschichte, und es setzte sich, mit leichten Schwankungen, ein Boom durch, der bis heute anhält. Gefühlt ist das allerdings nicht so. Das hat der Osten mit dem Westen gemein, quer durch die (Bundes)Republik wirkt die Stimmung gereizt, angespannt, polarisiert, obwohl die Lage eigentlich so günstig scheint. Und es brechen alte Konflikte wieder auf, das Gegeneinander von „Ossis“ und „Wessis“. Wenn erstere „Protest“ wählen oder in der Flüchtlingsdebatte rufen: „Integriert doch erst mal uns“ – wenn umgekehrt Wessis den Ossis vorschreiben wollen, wie sie zu leben, zu wählen, zu denken hätten, dann scheint da wenig beisammen. Ostdeutsche an der Staatsspitze haben daran wenig geändert, weder Bundespräsident Joachim Gauck noch Kanzlerin Angela Merkel. Im Gegenteil: im Osten ist Merkel-Hass oft besonders ausgeprägt.

    Die Jammermentalität soll nicht gut geheißen werden

    Woran es fehlt, ist im wahrsten Sinne des Wortes: Verständnis. Das soll überhaupt nicht heißen, eine Jammermentalität gut zu heißen oder Verständnis zu zeigen dafür, dass bei Wahlen im Osten ganz linke Heilsversprecher ebenso punkten können wie ganz rechte Zündler und Agitatoren. Nein, gemeint ist das Verständnis dafür, was für ein Wandel sich da im Osten vollzogen hat, binnen kürzester Zeit. Wie erschöpfend solche Umbauprozesse sein können. Für die Ostdeutschen habe sich mit der Einheit alles geändert, für die Westdeutschen nur die Postleitzahl, sagte der Ex-Bundesinnenminister de Maizière einmal. Wie funktioniert er denn nun, der demokratische „Aufbau Ost“? Vielleicht braucht es den gar nicht. Es würde schon reichen, weniger übereinander zu reden und mehr miteinander. Mal hinzufahren, sich zu begegnen. Dazu würde auch gehören: ihn anders zu feiern. Wir sind zurückgeschreckt, den 9. November zum Einheitstag zu machen, weil das Datum sehr dunkle Kapitel der deutschen Geschichte kennt. Das ist eine verdruckste Haltung. Es wäre besser, ihn an diesem Tag zu begehen als am Kunstdatum 3. Oktober. Denn der Tag des Mauerfalls bleibt ein deutsches Fest, und das sollten wir Deutsche jedes Jahr auch feiern.

    Gregor Peter Schmitz

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