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    Hass und Hetze dürfen nicht unseren Alltag bestimmen

    Die bemerkenswerte Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Yad Vashem anlässlich des Gedenkens der Auschwitz-Befreiung sollte uns aufrütteln.
    Blick auf das Eingangstor des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers Auschwitz mit dem Schriftzug "Arbeit macht frei".  Foto: Robert Michael

    Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem eine bemerkenswerte Rede gehalten. Mit nachdenklichen, ehrlichen, offenen und klaren Worten hat das Staatsoberhaupt anlässlich des Gedenkens zum 75. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung den richtigen Ton getroffen. Er ließ vor allem keinen Zweifel daran, dass „dieses Deutschland" sich selbst nur dann gerecht werde, "wenn es seiner historischen Verantwortung gerecht wird“.

    Eigentlich sollte dies ein selbstverständlicher Anspruch sein, der keiner ausdrücklichen Erwähnung bedarf. Doch in Zeiten, in denen Politiker wie der thüringische AfD-Chef Björn Höcke eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" fordern, ist ein "Nie wieder!" leider keine Selbstverständlichkeit mehr. Frank-Walter Steinmeier hat nicht versucht, diese betrübliche Tatsache rhetorisch zu verkleistern. Mutig und unmissverständlich hat er stattdessen das Offenkundige formuliert: "Ich wünschte, sagen zu können: Wir Deutschen haben für immer aus der Geschichte gelernt. Doch das kann ich nicht, wenn Hass und Hetze sich ausbreiten."

    Antisemitismus zeigt seine hässliche Fratze

    Auch 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz zeigt der Antisemitismus hierzulande seine hässliche Fratze. Und das mit wachsender Intensität. Laut einer Antisemitismus-Umfrage der EU-Agentur für Grundrechte ist für 85 Prozent der in Deutschland lebenden Juden der Antisemitismus das größte soziale oder politische Problem. 41 Prozent geben an, in der jüngeren Vergangenheit mindestens einmal belästigt worden zu sein.

    Da ist es kein Wunder, dass der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, das Sicherheitsgefühl von Juden stark beschädigt sieht. Es gebe heute wieder Juden in Deutschland, so der Würzburger Mediziner, die sich fragten, ob sie hier auf Dauer sicher leben könnten. Viele von ihnen haben sich entschieden, in der Öffentlichkeit keine Kippa mehr zu tragen. Denn Gewalt gegen jüdische Mitbürger gehört heute wieder zum deutschen Alltag. Genauso wie die Tatsache, dass jüdische Kinder wegen ihres Glaubens von Mitschülern ausgegrenzt und drangsaliert werden. 

    Gut gemeinte Appelle reichen nicht

    Mit gut gemeinten Appellen und ritualisierten Reden an Gedenktagen ist die zunehmende Judenfeindlichkeit allerdings nicht in den Griff zu bekommen. Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, beklagt zu Recht einen fehlenden "Aufschrei der gesellschaftlichen und politischen Institutionen" gegen einen wachsenden Antisemitismus.

    Jeder einzelne von uns hat es in der Hand, den Anfängen zu wehren. Niemand muss deshalb heroische Taten vollbringen. "Es reicht zu sagen: Ich lasse mich nicht unzufrieden machen, ich brauche keinen Neid zu meinem Glück, keine imaginäre Bedrohung, keine abgeriegelten Grenzen. Wie viel Mündigkeit liegt heute in den Worten Solidarität, Gemeinsamkeit - und sogar in dem Wort Volk in der Definition Angela Merkels: ,Das Volk ist jeder, der in diesem Land lebt'", gibt Mirjam Zadoff, die Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München, zu bedenken. 

    Gefragt ist Zivilcourage. Beispielsweise am Stammtisch. Werden dort antisemitische, rassistische, fremden- oder frauenfeindliche Sprüche gekloppt, sollte man nicht schweigend den Blick senken oder gar lauthals mitlachen, sondern "aufstehen, die Dinge benennen und den Finger in die Wunde legen. Dann wäre schon viel getan" (Josef Schuster).

    Nur so kann es gelingen, unserer historischen Verantwortung weiterhin gerecht zu werden. Denn Erinnerungskultur ist keine Errungenschaft, auf der wir uns ausruhen können, um uns einmal im Jahr darauf zu besinnen. Sie muss aktiv gepflegt werden - Tag für Tag!

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