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    WÜRZBURG

    Kinder haben ein Recht auf Aufklärung!

    Das Bayerische Kultusministerium untersagt Sexualpädagogen von Pro Familia ihre Aufklärungsarbeit in Grundschulen. Lehre... Foto: David-Wolfgang Ebener (dpa)

    Der Klapperstorch hat bei Kindern im Grundschulalter ausgedient, so viel ist sicher. Manche Eltern versuchen es noch halbherzig mit den Bienchen und Blümchen, andere mit vagen Sätzen wie „Wenn zwei sich ganz doll liebhaben und nackt sind, kann ein Kind entstehen“. Gar nicht so einfach, die Sache mit der Aufklärung! Die allgegenwärtigen Liebesszenen und Bilder im Fernsehen und im Internet, etwa auf Youtube, lassen vielen Eltern aber gar keine andere Wahl, als mit ihren Kindern beizeiten über dieses Thema zu sprechen.

    Hilfe und Unterstützung bietet der Aufklärungsunterricht von Beratungsstellen wie Pro Familia, die seit vielen Jahren mit ihren Teams in die Schulen gehen. Vor allem in Grundschulen ist die Arbeit der Sexualpädagogen von großem Wert, denn sie wissen, wie man altersgerecht und behutsam mit Kindern über Dinge spricht, die bei vielen Erwachsenen noch immer schambehaftet sind.

     Lehrer werden im Studium nicht ausreichend vorbereitet

    Doch damit ist es nun vorbei. Seit Beginn des Schuljahres sind die externen Sexualpädagogik-Profis aus den staatlich anerkannten und von der Staatsregierung mitfinanzierten Beratungsstellen in bayerischen Grundschulen nicht mehr erwünscht. Mehr noch. Ihre Arbeit wird ihnen dort aufgrund der vom Kultusministerium überarbeiteten Richtlinien der Familien- und Sexualerziehung seit diesem Schuljahr ausdrücklich untersagt.

    Die Begründung aus dem Ministerium ist fragwürdig. So wird behauptet, dass Lehrkräfte dieser Aufgabe sehr viel besser nachkommen könnten, da sie langjährige Vertrauenspersonen der Kinder seien und überdies in Sachen Sexualpädagogik entsprechend im Studium vorbereitet würden. Letzteres ist, glaubt man den Ausführungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, eine glatte Lüge. Sexualpädagogik findet demnach im Studium so gut wie gar nicht statt, kein Seminar ist verpflichtend.

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    Hinzu kommt, das bestätigten Lehrerinnen und Lehrer gegenüber dieser Redaktion, dass viele von ihnen sich äußerst unwohl fühlen mit dieser Aufgabe, die fest im Lehrplan verankert ist. Vor einer ganzen Klasse über persönliche Empfindungen zu sprechen und auch sehr direkte Fragen der Kinder zu beantworten, sei nicht jedermanns Sache. Man könne sich schnell lächerlich und auch angreifbar machen. Eine Sexualpädagogin von Pro Familia spricht gar von einem Minenfeld – für Lehrer wie Schüler gleichermaßen. Auch Lehrkräfte, die an Fortbildungen von Pro Familia teilgenommen haben, sagen, sie könnten definitiv nicht das leisten, was die externen Fachkräfte leisten.

    Schutz vor Missbrauch: Aufklärung ist Prävention

    Sie haben recht: Die externen Profis abzuziehen, macht überhaupt keinen Sinn! Kinder haben ein Recht auf eine altersgerechte Aufklärung von kompetenter Stelle.

    Dass dieses Thema nun in Grundschulen ausschließlich von Lehrkräften behandelt werden darf, die dafür erst noch – per Online-Kurs – geschult werden müssen, wirft die Frage auf, wie viel den verantwortlichen Politikern an einer bestmöglichen Vermittlung eines hochsensiblen Themas gelegen ist. Die Angst von Eltern, ihre Kinder könnten im Aufklärungsunterricht von Pro Familia in der Schule moralisch verkommen, ist genauso absurd wie der Abzug der Experten.

    Gerade angesichts des gesellschaftlich allgegenwärtigen sexuellen Missbrauchs ist es wichtig, dass Kinder aufgeklärt werden, damit sie Dinge benennen und Grenzüberschreitungen erkennen können. Von sexuellem Missbrauch sind gerade Kinder im Grundschulalter betroffen. Insofern ist Präventionsarbeit hier von besonderer Bedeutung: Aufgeklärte Kinder sind selbstbewusster. Zudem ist der Austausch zwischen Kindern, Eltern, Lehrern und Fachkräften aus Beratungsstellen in Grundschulen noch hoch. Diese Chance sollte man nutzen – und sie nicht mit fadenscheinigen Argumenten verspielen.

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