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    Würzburg

    Kommentar: Angst ist Gift für die Demokratie

    Angst ist zutiefst menschlich, aber ein schlechter Politik-Berater Foto: Franziska Gabbert, dpa

    "Wir müssen die Sorgen und Ängste der Bürgerinnen und Bürger wieder ernst nehmen." Diesen Satz hört man derzeit oft und aus verschiedenem Munde. Vor allem dann, wenn populistische und extrem rechte Parteien in Umfragen oder bei Wahlen Erfolge verbuchen. Sind Ängste etwas demokratisches? Haben wir nicht gelernt, Angst sei ein ganz schlechter Ratgeber? Gibt es eine richtige Antwort auf Angst?   

    Die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum, eine der profiliertesten Denkerinnen unserer Zeit, warnt in ihrem neuen Buch "Königreich der Angst" davor, sich in der Politik von Ängsten leiten zu lassen. Kein Gefühl sei für die Demokratie so gefährlich wie die Angst. Zum einen sie sei die Ursache von Zorn: man sucht sich einen Sündenbock für seine Angst, an dem man sich rächen möchte. Zum anderen sei auch Neid ein Ausdruck von Angst: die Angst, etwas nicht zu bekommen, das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Doch statt das Problem selbst zu lösen, will man denen schaden, die das haben, was man selbst nicht besitzt. 

    Über Ängste kann man nicht abstimmen

    Über Angst kann man nicht abstimmen, sie ist nicht verhandelbar. Angst herrscht wie ein Diktator, während die Demokratie verlangt, die Unabhängigkeit jedes einzelnen Menschen zu respektieren. Dabei ist Angst etwas zutiefst Menschliches. Wir alle werden mit ihr geboren. Die Ängste von Kindern müssen deshalb auch ernst genommen werden. Damit Kinder lernen, mit Ängsten umzugehen, sollten wir das "Monster unter dem Bett" nicht lächerlich machen. Für eine Gesellschaft aber wird die Angst vor angeblichen Monstern zu einem gefährlichen Gift. Früher galt Ängstlichkeit als Schwäche, die man unterdrückte. Heute wird sie zur Stärke umdefiniert. Wenn sie nur aggressiv genug vorgetragen wird, um dadurch Menschen zu denunzieren, vor denen man vorgibt, sich zu fürchten.  

    Aber es gibt sie eben nicht, die eine Angst. Ängste sind subjektiv und irrational. Die einen fürchten sich vor Flüchtlingen, die anderen vor den Rechtsextremen, die Stimmengewinne verbuchen. Ich kann mich vor der Klimakatastrophe fürchten oder vor Greta Thunberg, weil sie mir liebgewonnene Verhaltensweisen in Frage stellt. 

    Wir brauchen mehr Hoffnung und weniger Angst

     Aus Ängsten und Sorgen lassen sich deshalb auch keine Lösungen entwickeln. Schon gar nicht in der Demokratie. Da braucht es Angebote der Politik, da braucht es Strategien, Probleme zu lösen. Mutige, überzeugende und erfolgversprechende. Diese Angebote müssen diskutiert, über sie muss im demokratischen Prozess gestritten und am Ende abgestimmt werden. Das ist Demokratie. Wer die Ängste, die Sorgen und Nöte der Bevölkerung zum Leitfaden seiner Politik macht, verlässt die Sachebene politischer Entscheidungen. Denn Ängste kann man schlecht in berechtigte und unberechtigte sortieren, Ängste kann man nur schwer bezweifeln, ohne überheblich oder gar zynisch zu wirken. Denn es käme sofort jemand um die Ecke mit dem Vorwurf, man würde berechtigte Ängste nicht ernst nehmen, sich darüber hinwegsetzen. So wird die Angst zur Falle für die Demokratie. 

    Was aber kann Politik, was die Gesellschaft, was können wir damit jetzt anfangen? Martha Nussbaum empfielt das Gegenteil von Angst: Hoffnung. Sie verengt den Blick nicht, sondern erweitert die Perspektive.  Den Mitbürger als Menschen achten, auch wenn wir anderer Meinung sind. Und vor allem auch bei schwierigen Themen wieder um die beste Lösung streiten und kämpfen. Dann brauchen wir um unsere Demokratie keine Angst zu haben.  

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