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    Würzburg

    Kommentar: Die Proteste junger Leute stärken die Demokratie

    Der YouTuber Rezo hat ein Video mit dem Titel "Die Zerstörung der CDU" online gestellt. Die Partei findet das gar nicht gut. Foto: Privat/dpa Foto: -

    Was ist denn da los? Das werden sich viele in den vergangenen Tagen mit Blick auf die Schlagzeilen gefragt haben. Landauf, landab ist wie aus dem Nichts plötzlich ein 26-jähriger Youtuber namens Rezo in aller Munde. Der junge Mann aus Wuppertal (Markenzeichen: blaue Haare) sorgt mit einem knapp einstündigen Video über "die Zerstörung der CDU" für Aufsehen. Millionenfach ist es bislang im Netz aufgerufen worden. Eine Resonanz, von der etablierte Medien nur träumen können. Rezo mischt den Politikbetrieb gehörig auf - und das ist gut so!

    Natürlich kann man dem wortgewaltigen Unruhestifter aus der Social-Media-Welt vorhalten, dass seine Abrechnung mit den Unionsparteien und der Bundesregierung vor Polemik nur so strotzt. Dass er für seinen Themenmix aus sozialer Ungleichheit, Chancengerechtigkeit, Klimawandel und Krieg sich nur jener Zahlen und Zitate bedient, die ihm in seinen inhaltlichen Kram passen. Dass seine 13 Seiten Quellenangaben - von Zeitungsartikeln und wissenschaftlichen Artikeln bis zu Ausschnitten aus Pressekonferenzen - lückenhaft und oft aus dem Kontext herausgelöst sind. Geschenkt!

    Hochmut und Selbstgerechtigkeit der Parteien werden bestraft

    Doch wer wie die CDU tagelang geglaubt hat, diesem unkonventionellen Sprachrohr der jungen Genration mit Hochmut und Selbstgerechtigkeit begegnen zu können, hat die Botschaft nicht verstanden. Rezo verkörpert eine neue Art von politischem Akteur: Er steht nicht für irgendwelche Interessengruppen. Deshalb ist ihm und seinen Anhängern auch nicht mit den üblichen Reaktionsmustern beizukommen, auf die das politische System normalerweise bei Auseinandersetzungen zurückgreift. Dies nicht zu erkennen, zeigt, wie weit sich die Parteien teilweise von jungen Menschen entfernt haben. 

    Immerhin ist bei SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil die Erkenntnis gereift, dass "die Art und Weise, wie wir Menschen ansprechen und Inhalte vermitteln, vor einem grundlegenden Wandel stehen". Junge Leute vernetzen, organisieren und informieren sich vor allem mithilfe der neuen Medien. Youtube gehört zu ihren beliebtesten Plattformen. Das erklärt, warum jemand wie Rezo mit seinen Inhalten problemlos Millionen junger Nutzer erreichen kann. Parteien hingegen spielen dort eine kaum wahrnehmbare Rolle.

    Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sieht in dieser Entwicklung eine Art Rollentausch. "Diejenigen, die man früher 'das Publikum' genannt hat, sind selbst medienmächtig geworden", sagte er dem Hamburger Abendblatt. Da prallen jetzt zwei Welten aufeinander: auf der einen Seite die etablierten Parteien und politischen Institutionen. Auf der anderen Seite junge Menschen, die mit sozialen Netzwerken groß geworden sind und zunehmend versuchen, Politik von außen zu beeinflussen. Die Bewegung "Fridays for Future" steht dafür genauso beispielhaft wie die Proteste gegen das Mathe-Abi.

    Die Parteien müssen den Bürgern auf Augenhöhe begegnen

    Während die Jungen immer mehr den Weg auf die Straße suchen, um ihren Unmut über die Politik auszudrücken, verharren Parteien weiterhin in ihrer Behäbigkeit. Schlimmer noch: Bei Themen wie Klimaschutz, Renten, Bildung oder soziale Gerechtigkeit haben Jugendliche den Eindruck, dass in Berlin Entscheidungen auf ihre Kosten getroffen werden. 

    Wollen die Parteien nicht weiterhin Politikverdrossenheit fördern, müssen sie raus aus ihrem analogen Elfenbeintürmen und den Dialog mit allen (!) Bürgern auf Augenhöhe suchen - ob auf Marktplätzen oder in den sozialen Netzwerken. Ansonsten droht vor allem der Konflikt mit der jungen Generation sich auszuweiten. Einen ersten Vorgeschmack liefert der Aufruf von 70 Youtube-Stars, bei der Europawahl CDU, SPD und AfD zu boykottieren.

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