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    Heuchelhof

    Kommentar: In Halle war kein Einzeltäter am Werk

    "Kein Platz für Antisemiten" steht auf einem Pappschild das auf dem Marktplatz von Halle in Mitten von Blumen und Kerzen liegt.  Foto: Klaus-Dietmar Gabbert, dpa

    Der Versuch, am höchsten Feiertag der Juden, eine Synagoge in mörderischer Absicht zu stürmen, bedeutet eine Zäsur.  Schlimm genug, dass jüdisches Leben in Deutschland auch vorher schon geschützt werden musste. Schlimm genug, dass der aus Würzburg stammende Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, wie ein Spitzenpolitiker bewacht werden muss.

    Schlimm genug, dass Juden sich nicht mehr überall mit der typischen Kopfbedeckung Kippa auf die Straße trauen. Aber dass sich ein Antisemit aus seinem Versteck traut, um öffentlich möglichst viele Juden an deren höchstem Feiertag bestialisch zu ermorden, hat ein neues Fanal gesetzt. Allein großes Glück hat das Schlimmste verhindert.  

    Die rechtsradikale Terrorzelle NSU mordete unerkannt aus dem Hinterhalt, so wie auch der Extremist, der den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke erschoss. Ganz anders der Täter von Halle, der seinen grausamen Plan in einschlägigen rechtsextremen Foren ankündigte und die Tat selbst filmte und ins Internet übertrug.

    Er wollte die maximale Öffentlichkeit - auch weil er überzeugt war, für seinen Hass und für sein mörderisches Tun aus gewissen Kreisen Beifall zu bekommen. Noch schlimmer aber ist, dass es in unserer Gesellschaft einen Bodensatz gibt, auf dem sich Täter wie der von Halle bewegen können und der ihre kruden Theorien teilt.     

    Die Erinnerung an den Holocaust wach halten

    Nein, Stefan B. war kein Einzeltäter. Selbst wenn es keine direkten Tatbeteiligten gab, wird er nur im juristischen Sinne alleine verantwortlich gemacht werden können. Wer Hitler und die Nazis als "Vogelschiss" in der Geschichte bezeichnet, wer betont, es sei an der Zeit, einen Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit zu ziehen, wer das Holocaust-Denkmal in Berlin ein "Denkmal der Schande nennt", der redet einem aufkeimenden Rassismus das Wort. Halle hat dramatisch gezeigt,  wieviel stärker wir die Erinnerung an die dunkelsten Seiten der deutschen Geschichte wach halten müssen.   

    Doch nicht nur das, in seinem kurzen Bekennervideo spricht der Täter von Halle die Sprache der Rechtspopulisten in Deutschland. Erst leugnet er den Holocuast, dann macht er den Feminismus für die niedrige Geburtenrate verantwortlich, was zur Massenimmigration geführt habe. Und schuld daran sei "der Jude".  Natürlich beeilen sich Rechtspopulisten jetzt zu betonen, sie hätten nichts  damit zu tun, distanzieren sich  und reden vom wirren Einzeltäter. Der aber nutzte ihre Worte und ihre Argumente.

    Wir brauchen wieder den Mut aus der Wendezeit

    In der Tat von Halle begegnen wir der direkten Nachbarschaft von Antisemitismus und Thesen, die auch innerhalb der AfD-Anhängerschaft verbreitet sind und die von der Partei kräftig genährt werden. Da werden Feindbilder aktiv gefördert. Da wird Hass auf äußere Feinde (Geflüchtete) und innere Feinde (Eliten) geschürt. Da wird eine vom Feminismus ausgelöste demografische Katastrophe skizziert, die Bundeskanzlerin Angela Merkel im Verbund mit der Wirtschaft durch eine arabische Massenzuwanderung lösen wolle. Das geht bis zu dummdreisten Verschwörungstheorien, Merkel wolle die Bevölkerung Deutschlands austauschen, oder die Tat von Halle sei von der Bundesregierung inszeniert worden, um der AfD zu schaden.

    Das alles geschieht in Deutschland 30 Jahre nachdem Zehntausende von Deutschen in der ehemaligen DDR ihre Angst überwanden und der Diktatur trotzten. Diesen Mut brauchen wir wieder, um denen zu begegnen, die unsere Weltoffenheit, Freiheit und Demokratie bekämpfen. Weisen wir sie in die Schranken, wenn sie ihre Lügen und Hassbotschaften verbreiten - ob in den Sozialen Medien oder im realen Leben. Sagen wir laut und deutlich: "Nein!"   

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