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    Würzburg

    Kommentar: Landwirte, lasst euch nicht für dumm verkaufen!

    Anstatt Nebelkerzen zu werfen und Fakten über Nitratwerte im Grundwasser anzuzweifeln, sollten Politiker die Spielregeln für heimische Bauern verbessern.
    Um die 100 Landwirte fuhren am Mittwoch auf der B19 zwischen Unterpleichfeld und Bergtheim im Landkreis Würzburg in Kolonne. Damit wollen die Bauern auf Missstände in der Landwirtschaftspolitik aufmerksam machen. Foto: Daniel Peter

    "Geht in die Öffentlichkeit, sprecht mit den Leuten, demonstriert weiter!", möchte man als Verbraucher den Landwirten auf ihren Traktoren zurufen, wenn sie in Kolonnen die Straßen blockieren, um auf Missstände in der Landwirtschaftspolitik aufmerksam zu machen. "Aber lasst euch nicht für dumm verkaufen!", ist man versucht, gleich hinterher zu schreien.

    Immer mehr Landwirte gehen auf die Barrikaden. Sie ärgern sich über neue Auflagen: zum Tierwohl, für Insekten oder zum Schutz des Grundwassers. Das Volksbegehren Artenvielfalt ist seit Juli in Bayern Gesetz. Ab 2024 will die Bundesregierung den Unkrautvernichter Glyphosat verbieten. Die neue Düngeverordnung schreibt den Bauern vor, was und wann sie ab 2020 nicht mehr düngen und welche Düngemittel sie ab sofort nicht mehr länger lagern dürfen.

    Und zur Krönung liegen dann die hochwertig produzierten fränkischen Tomaten im Supermarkt neben den günstigeren aus Spanien, bei deren Produktion oft Erntehelfer ausgebeutet, das Grundwasser verseucht oder illegal zur Bewässerung entnommen und die Ware mit einer extra Portion CO2 nach Franken transportiert wurde. Viele Verbraucher sehen den Preisunterschied. Doch sie wissen nicht im Detail, was dahinter steckt. 1960 gaben deutsche Haushalte noch 38 Prozent aller Konsumausgaben für Lebensmittel aus. Heute sind es 14 Prozent.

    Bauern dürfen sich nicht aus der Verantwortung stehlen

    Ein Landwirt, dessen Hof nicht wächst, kann heute kaum überleben. Wer keine hohen Erträge von seiner Fläche herunter holt, kann mit den Preisen am Weltmarkt nicht konkurrieren. Kleine und mittlere Höfe sterben. Bayern ist besonders betroffen. 

    Trotzdem dürfen sich die Bauern nicht aus der Verantwortung stehlen. Denn Fakt ist auch, dass das Grundwasser in Deutschland vielerorts mit zu viel Nitrat aus der Landwirtschaft belastet ist. Den Preis zahlen früher oder später die Verbraucher, wenn das Trinkwasser aufwändig gereinigt werden muss. Belegt ist auch das Insektensterben. In Wiesen und Wäldern ging die Zahl der Arten, also die Vielfalt, in zehn Jahren um ein Drittel zurück. Auch die Gesamtmasse schrumpfte, in Graslandschaften sogar um 67 Prozent. Ein deutliches Zeichen dafür, dass die Natur aus dem Gleichgewicht geraten ist. 

    Ohne die Landwirte geht nichts, will man unsere Umwelt erhalten

    Die Landwirte sind nicht allein für alle Umweltschäden verantwortlich. Doch ihnen kommt eine enorme Verantwortung zu. 60 Prozent der Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt. Aber nur 1,4 Prozent der Bevölkerung arbeiten in der Landwirtschaft. Ohne sie geht nichts, will man das Grundwasser schützen und unsere Artenvielfalt erhalten.

    Im Moment fühlen sich die Landwirte als Buhmänner. Doch die meisten Verbraucher können differenzieren. Sie sehen die Bauern nicht als Schuldige, sondern als Spielball einer jahrelang verfehlten Politik zu Lasten der Bauern und unserer Umwelt.

    Bessere finanzielle Förderungen vom Staat, groß angelegte Werbeoffensiven für regionale Produkte, Kooperationen mit Supermarkt-Ketten: Heimische Lebensmittel müssen bequem beim Verbraucher ankommen, ohne dass dieser von Hofladen zu Hofladen fahren muss. Heimische Bauern müssen für jede einzelne ihrer Bemühungen zum Schutz unserer aller Lebensgrundlagen honoriert werden. Nicht nur die Spieler, auch die Spielregeln müssen sich ändern.

    Da hilft es nichts, wenn Vertreter aus Politik und Bauernverband den Frust der Landwirte weiter anheizen, indem sie Fakten in Frage stellen. Etwa, ob sich hunderte staatliche Wasserexperten bei den Nitratwerten geirrt hätten, ob es andere Länder noch schlechter machen, ob tatsächlich Pestizide für das Insektensterben mitverantwortlich sind. Schluss mit den Nebelkerzen. Handeln ist gefragt.

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