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    Kommentar: Ohne Globalisierung gäbe es keine Coronakrise

    Die Corona-Pandemie wirft auch ein Schlaglicht auf die Globalisierung und weltweite Vernetzung unserer Gesellschaft. Was wir jetzt schon aus der Krise lernen können.
    Die weltweit fehlenden Schutzmasken decken auch die Probleme einer globalisierten Wirtschaft auf.  
    Die weltweit fehlenden Schutzmasken decken auch die Probleme einer globalisierten Wirtschaft auf.   Foto: Sven Hoppe, dpa

    Ohne die Globalisierung gäbe es die Corona-Pandemie nicht. Trotz Digitalisierung reisen wir geschäftlich und privat regelmäßig durch die Welt. So kann ein Virus, das durch mangelnde Hygiene und den unsinnigen Handel mit Wildtieren auf einem chinesischen Markt auf den Menschen übersprang, binnen weniger Wochen nahezu die ganze Welt befallen. Doch es ist nicht die erste Krise der Globalisierung. Trotzdem darf die Antwort nicht weniger, nein, sie muss mehr Globalisierung heißen. Nur die Vorzeichen müssen sich grundlegend ändern.

    Aktuell mehren sich die Stimmen, die wieder mehr Eigenständigkeit der nationalen oder wenigstens europäischen Wirtschaft fordern. Zunächst einmal völlig zu recht: Es ist schwer erträglich, dass Schutzmasken hauptsächlich in China produziert und praktisch weltweit ausverkauft sind. Das ist noch schwerer zu verstehen, wenn der Zellstoff und die Maschinen zur Produktion aus Deutschland kommen. Schon vor der Corona-Krise gab es Lieferengpässe bei bestimmten Medikamenten, weil Rohstoffe, die ausschließlich in China oder Indien produziert wurden, fehlten. Und es sind die Regeln der viel gepriesenen Marktwirtschaft, dass Schutzmasken, die vor der Coronakrise 40 Cent kosteten, jetzt bis zu zehn Euro kosten sollen.  

    Doch es gibt auch die andere Seite der Globalisierung in der Krise - die der Solidarität. Rußland liefert Beatmungsgeräte, Kuba schickt Ärzte in die am stärksten betroffene Region Italiens und das Saarland nimmt Patienten aus dem Elsass auf.  

    Abschotten wäre die falsche Antwort

    Nein, wir dürfen uns jetzt nicht abschotten. Wenn jeder nur noch schaut, wie er für sich und sein Land diese und künftige Krisen am besten besteht, werden wir sie nicht bestehen. Aber: wir müssen unsere weltweiten Handelsbeziehungen und Kontakte auf eine neue Grundlage stellen. Corona könnte der Auslöser dazu sein. Gute Gründe dafür, gibt es schon lange.  

    Die weltweite Finanzkrise, die Eurokrise, die Klimakrise - sie alle waren Vorläufer der Coronakrise und haben mit ihr zu tun. Die Klimakrise steht uns so richtig noch bevor. Und im Rahmen der Eurokrise wurden in vielen europäischen Ländern nicht nur die Sozial-, sondern auch die Gesundheitssysteme krank gespart. Dies verschärft heute die Situation in Italien und zunehmend auch in Spanien. Andere Länder werden leider folgen. 

    Corona zwingt hier zum Nachdenken - auch in Deutschland. Es ist ein Armutszeugnis, wenn Gesundheitsminister Jens Spahn unseren Kliniken versprechen muss, sie würden nach der Krise für entgangene Einnahmen entschädigt werden. Ein Krankenhaus sollte dafür bezahlt werden, dass es Menschen in gesundheitlicher Not hilft und ihr Überleben sichert. So gesehen, müssten unsere Kliniken nach der Krise im Geld schwimmen. Doch auch unser Gesundheitssystem ist vor allem auf wirtschaftlichen Erfolg aufgebaut. Und den bringt nicht der um sein Leben ringende Corona-Patient, sondern die teure Operation, die jetzt verschoben werden muss. 

    Die Pandemie kann unseren Blick weiten

    Der monetäre Erfolg dominiert immer mehr Lebensbereiche. Wenn aber der Transport von Waren so günstig ist, dass wir nur noch die Produkte mit der größten Wertschöpfung im eigenen Land produzieren, dann schauen wir nicht nur in einer Krise wie der aktuellen in die Röhre. Denn die  niedrigen Transportkosten, in die der Schutz der Umwelt nicht eingepreist wird, tragen ganz wesentlich zur Erderwärmung bei. 

    Europa muss nach der Krise deshalb mehr zusammenwachsen. Aber nicht mehr nur im Blick darauf, was die Kassen klingeln lässt. Vielleicht hilft die Corona-Pandemie, unseren Blick zu weiten: Auf Themen wie soziale Gerechtigkeit, Solidarität, Umweltschutz, mögliche Krisen- und Ausnahmesituationen. Dann hätte sie auch etwas Gutes - und die nächste Krise würde uns weit weniger aus der Bahn werfen. 

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