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    Würzburg

    Kommentar: Rassismus statt Trauer - was nach Frankfurt schmerzt

    Innehalten? Fremdenfeinde von AfD und rechtem Rand ereifern sich mit Hass und Rassismus. Sie instrumentalisieren die tödliche Attacke am Bahngleis. Widerlich ist das.
    Eine Karte mit der der Aufschrift "In stillem Mitgefühl" steht am Bahnsteig 7 im Frankfurter Hauptbahnhof zwischen Kerzen, Plüschtieren und abgelegten Blumen.  Foto: Frank Rumpenhorst, dpa

    Es fehlen einem die Worte. Keine Sätze der Welt können die Grausamkeit der Frankfurter Bahnhofsattacke, können das Leid, die Verzweiflung wirklich angemessen beschreiben. Was nicht zu begreifen ist, sorgt für Ohnmacht und Sprachlosigkeit. Bei manchen aber für eine diffuse Wut. Und wieder andere instrumentalisieren den schrecklichen Todesfall für Hass, Hetze und politische Profilierung. Mit Verlaub: Es ist zum Kotzen.

    Laut schreien möchte man: Seid still! Trauert ehrlich um das Opfer, den achtjährigen Jungen, der zufällig am Bahnsteig stand. Zeigt Mitgefühl mit der Familie, den Freunden. Aber hört auf mit eurer Feindseligkeit, hört auf mit eurem Rassismus! Denkt nach, statt nur dem Reflex zu folgen.

    Ein Reflex, der zu erwarten war. Weil er sich wiederholt. Kaum war bekannt, dass der mutmaßliche Täter einen eritreischen Pass hat, lief im Netz die Wutmaschinerie an, angeführt von Brandstiftern der AfD.

    Eine Antwort kann nur der Rechtsstaat geben 

    Wie oft nach Einzelfällen wird pauschal über Migranten und Geflüchtete hergezogen. AfD-Chefhetzerin Alice Weidel ätzt auf ihrer Facebook-Seite gegen eine "grenzenlose Willkommenskultur" und gegen die Kanzlerin, die "lieber in den Urlaub fliegt."

    Als stünde die Tat in Zusammenhang mit der deutschen Flüchtlingspolitik. Wie Weidel selbst lebt der aus Eritrea stammende, 40-jährige Familienvater in der Schweiz, seit 2006 schon.  Nach einem Gewaltdelikt reiste er vermutlich auf der Flucht nach Deutschland.

    Polizisten sichern im Hauptbahnhof Spuren an dem ICE. Ein achtjähriger Junge ist von einem Mann vor den einfahrenden Zug gestoßen und getötet worden. Foto: Andreas Arnold, dpa

    Dass es in den vergangenen Jahren eine Reihe von tödlichen Schubserattacken an Bahnhöfen gab, erst vor wenigen Tagen in Voerde/Nordrhein-Westfalen, und in der Regel mit deutschen Tätern - das interessiert die Scharfmacher vom rechten Rand nicht. Sie machen Stimmung mit dem Tod eines Jungen und legen damit die Saat für neue Gewalt. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ein Mörder muss mit allen Mitteln des Rechtsstaates zur Verantwortung gezogen werden. Ja, Besonnenheit mag in aufgeheizter Atmosphäre schwer fallen. Aber es gibt nur eine einzige zielführende Antwort auf dieses Verbrechen: einen fairen Prozess.

    Hautfarbe darf für Beurteilung kein Kriterium sein

    Sollte die Tat am Ende doch in Zusammenhang mit den Schüssen eines Sportschützen auf einen eritreischen Migranten im hessischen Wächtersbach stehen - dann, aber nur dann hätte die Herkunft des Festgenommenen eine Rolle zu spielen. Mit Blick auf eine mögliche Motivlage. Ansonsten aber ist die Hautfarbe für die Beurteilung einer solchen Tat völlig irrelevant. Oder wie es Jan Böhmermann zuspitzte: "Wenn du dich nur aufregst, wenn der Täter eine Hautfarbe hat, die dir nicht passt - dann bist du kein besorgter Bürger, dann bist du ein Rassist."

    Dass wir Medienschaffende die Nationalität überhaupt berichten, hat mit einer Änderung im Pressekodex des Deutschen Presserats zu tun. Bis 2017 sollte die Nationalität von Straftätern nur veröffentlicht werden, wenn sie für das Verständnis der Tat erforderlich war. Nun ist das "öffentliche Interesse" maßgebend, tendenziell wird damit die Herkunft häufiger genannt . Doch weiterhin gilt: Es sollen durch die Berichterstattung keine Vorurteile gegenüber Minderheiten geschürt werden.

    Mehr Polizei? Politiker mit Schnappatmung und Populismus

    Instrumentalisiert wird die Frankfurter Attacke übrigens nicht nur von Fremdenfeinden. Als wäre damit eine solche Tat auf den 5600 deutschen Bahnhöfen und Haltestellen zu verhindern, fordern einige Politiker nun mehr Aufsicht und Bundespolizei auf den Bahnsteigen. Billig ist das, populistisch, unseriös. Auch hier gilt: Statt Schnellschüssen zum Zwecke eigener Profilierung lieber nachdenken - und schweigen. Oder zur Ohnmacht stehen, so wie die Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz Anke Rehlinger. Keine Sicherheitslücke habe man hier, sagt sie, sondern eine "Menschlichkeitslücke". Man möchte nur korrigieren: einen Menschlichkeitsabgrund.

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