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    Kommentar: Vorwärts in die Vergangenheit

    Norbert Röttgen strahlte. So viel mediale Aufmerksamkeit wie bei seinem Auftritt in der Bundespressekonferenz hatte der CDU-Politiker zuletzt nicht so oft. Die Ankündigung seiner Kandidatur für den Parteivorsitz bescherte ihm ein paar Dutzend interessierte Journalisten, und der Außenpolitiker genoss es sichtlich. Sechs Punkte trug Röttgen in seiner Einführung vor, die einer Bewerbungsrede auf einem Parteitag gleichkam. Röttgen redete vor allem frei, das kann er, das hat er gelernt in dem Vierteljahrhundert, dem er nun schon dem Bundestag angehört. Aber kann Röttgen die CDU einen und führen?

    Röttgens Karriere ist auch eine des Scheiterns. 2012 wollte er Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen werden. Doch Röttgen legte sich im Wahlkampf nicht fest, ob er auch die Rolle des Oppositionsführers übernehmen werde, und hatte gegen die volksnahe Amtsinhaberin Hannelore Kraft von der SPD keine Chance. Die Wahl endet mit einem dramatisch schlechten Abschneiden der CDU.

    Röttgen ging zurück nach Berlin, Bundeskanzlerin Angela Merkel warf ihren Umweltminister aus dem Kabinett. Später flog Röttgen auch noch aus dem CDU-Bundesvorstand. Seit 2014 ist er Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, residiert in einem großen Büro mit eigenem Personal. Es ist ein honoriger Job, der sich aber aufreibt zwischen dem Auswärtigen Amt, das vom SPD-Minister Heiko Maas geführt wird, und Kanzlerin Angela Merkel, die seit Jahren die außenpolitischen Linien vorgibt.

    Röttgen sagt: Hier bin ich, ich habe ein Angebot

    Röttgens Schritt ist mutig, weil er sich gegen drei namhafte Mitbewerber stellt. Röttgens Schritt ist bemerkenswert, weil er den Glauben in die Demokratie stärkt. Denn hier tritt einer an, der offenbar nicht vorher die Truppen hinter sich versammelt hat. Sondern einer, der sagt: Hier bin ich, ich habe ein Angebot. Wählt mich, oder lasst es bleiben. Andererseits bringt Röttgens Vorgehen noch mehr Unruhe in die ohnehin schon bis zum Übermaß durchgerüttelte Partei. Es gab von den Mitbewerbern Jens Spahn und Armin Laschet vorsichtige Ansätze, eine Teamlösung hinzubekommen. Röttgen aber hat mit beiden vorher nicht gesprochen – auch mit Friedrich Merz nicht. Er ist an einer einvernehmlichen Lösung nicht interessiert.

    Die alten Mechanismen funktionieren nicht mehr

    Röttgen will den Wettbewerb. Das war früher das Mittel der Wahl. Doch heutzutage, das hat das Gezerre bei der SPD gezeigt, reden alle mit: Die Mitglieder, die Nachwuchsorganisationen, die Nutzer der sogenannten Sozialen Netzwerke. Da funktionieren die alten Mechanismen nicht mehr, an deren Ende die Delegierten eines Parteitags den Vorsitzenden bestimmen. Einzelkämpfer haben wenig Chancen.

    Röttgen bewirbt sich nicht nur, er pokert auch. Seine Kandidatur ist ein Fingerzeig vor allem an Friedrich Merz. Der wurde von Merkel ebenso ausgebootet wie Röttgen, der nun seinen Platz in der Runde beansprucht. Wenn es nicht für den Vorsitz reicht, dann sollte am Ende doch mindestens ein Ministerposten herausspringen, so sein Kalkül, das ebenfalls alter politischer Denkschule entstammt. Röttgen muss aber gewaltig aufpassen, dass er, zusammen mit Merz, nicht wie ein beleidigter alter Mann wirkt, der es der Kanzlerin für erlittene Niederlagen nun mal so richtig heimzahlt.

    „Meine Uhr geht ein bisschen nach. Das muss ich gleich mal korrigieren“, murmelte Röttgen kurz vor dem Start der Pressekonferenz. In der Tat wirkt der Kandidat mit seinem Vorgehen ein wenig aus der Zeit genommen. Anderseits kann er noch nachbessern, vielleicht trifft er mit seinem Verhalten sogar genau den Geschmack vieler Stammwähler. Das wird sich in den nächsten Wochen erweisen. Wie es ausgeht, ist völlig offen. Spannend bleibt es allemal.

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