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    Würzburg

    Kommentar: Warum Behörden besonders in Krisenzeiten nicht mauern dürfen

    In Krisenzeiten wie dieser haben Menschen ein großes Informationsbedürfnis. Medien haben es zu erfüllen – und Behörden dürfen dabei nicht mauern. Es geht um Aufklärung.
    Nach zehn Todesfällen bundesweit in den Schlagzeilen: das Würzburger Seniorenheim St. Nikolaus. An offizielle Informationen heranzukommen, ist in der Krisensituation schwierig.   Foto: Heiko Becker

    Es ist das Phänomen von Krisenzeiten: Gerade jetzt wird vielen bewusst, wie wichtig eine verlässliche Informationsquelle ist. Eine solche wollen wir sein. Dafür recherchieren wir. Prüfen wir. Wählen wir aus. Kaum zu glauben, was vor allem im Netz an Fake News, Spekulationen und Gerüchten unterwegs ist. 

    Wie selten zuvor erhält diese Redaktion in diesen Tagen Rückmeldungen, Hinweise und Ermutigungen. Es geht um Corona-Fragen, und im Speziellen um die Lage in einem Würzburger Seniorenheim, das mit nunmehr zehn Todesopfern deutschlandweit traurige Bekanntheit erlangt hat. Das Informationsbedürfnis der Menschen ist überbordend.

    Verunsicherung macht sich breit, Angehörige von Heimbewohnern warten auf die tägliche Zeitung, wenden sich an unsere Reporter, weil sie sich von der Einrichtung selbst nicht genug informiert fühlen. Aber auch Unbeteiligte sind irritiert und suchen nach Aufklärung. Zurecht!

    Der aufopfernde Einsatz in Kliniken und Pflegeheimen verdient Respekt

    Die Menschen haben nicht nur ein Informationsbedürfnis, sie haben einen Informationsanspruch! Ihn zu erfüllen, sind wir täglich bemüht. Dabei vergessen wir nicht, in welcher Ausnahmesituation sich Kliniken und Seniorenheime befinden. Das Personal arbeitet bis zur Erschöpfung und unter großer psychischer Belastung. Das verdient allen Respekt! Niemand erwartet Antworten, wenn es gilt, sich um Notfälle zu kümmern. 

    Wenn aber Behörden mit Hinweis auf den Katastrophenfall und begrenzte Kapazitäten dazu übergehen, keine Presseanfragen mehr zu beantworten und nur noch eigene Verlautbarungen herausgeben – dann wird es kritisch. Kritisch für die Kontrolle im Land, und kritisch für die Aufklärung einer besorgten Öffentlichkeit. Sie hat ein Recht darauf zu erfahren, wie es um die Coronakrise steht. Im Großen und noch mehr vor der eigenen Haustür.

    In Würzburg ist zunächst das Gesundheitsamt dazu übergegangen, keine Einzelauskünfte mehr zu erteilen. Stattdessen wird ein tägliches Bulletin mit Infektions- und Quarantänezahlen verschickt, auch eigene Textbeiträge werden angeboten. Dann – nach  Bekanntwerden weiterer vier Todesfälle –folgte das Bürgerspital, zu dem das betroffene Seniorenheim gehört. Dass dort bereits am Montag der zehnte Bewohner gestorben ist, erfuhren die Medien am Mittwoch vom Oberbürgermeister als Vorsitzender des Stiftungsrates bei einer Pressekonferenz.

    Auch in Krisenzeiten braucht es eine unabhängige Berichterstattung 

    Auch für das Heim sollen keine Einzelfragen mehr beantwortet werden – in Anbetracht des bundesweiten Medieninteresses gewiss eine Kapazitätsfrage. Nur muss die Stadt für ihre Stiftung dann eine Lösung finden. Sie wird kaum darin bestehen können, den OB zum Pressesprecher zu machen. Auch auf Landesebene herrschte zuletzt Behördenchaos zwischen Gesundheitsministerium, Landesamt und den untergeordneten Gesundheitsämtern. Die Lage ist zu ernst für einen Streit darüber, wer warum zuerst etwas sagen darf.

    Journalisten brauchen nicht primär vorgefertigte Mitteilungen. Sie brauchen Antworten auf ihre Fragen! Nur dann können sie ihre Arbeit so machen, wie es von der Presse als "vierte Gewalt" erwartet wird. Wenn schon Regierungschefs von Kriegszuständen sprechen, dann erinnert manches Behördenverhalten derzeit an Informationspolitik in Kriegszeiten – an den Versuch, ein Informationsmonopol zu schaffen und die Kontrolle über die veröffentlichte Meinung zu gewinnen.

    Dies gilt es zu verhindern. Eine (weitgehende) Ausgangssperre darf keine Auskunftssperre sein. Die Behörden und ihre Chefs dürfen in der aktuellen Lage nicht auf Tauchstation gehen. Sonst brächte die Coronakrise noch ein weiteres Opfer: die Informationsfreiheit. 

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