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    Würzburg

    Kommentar: Warum die Turbo-Einschulung ein großer Fehler war

    Wann kommt ein bayerisches Kind in die Schule? Es kommt dann in die Schule, wenn es bis zum 30. Juni sechs Jahre alt wird. Und es darf auch dann in die Schule gehen, wenn es zwischen dem 1. Juli und dem 30. September seinen 6. Geburtstag feiert; vorausgesetzt, seine Eltern entscheiden das so.  Diese neue Regelung, die unter dem Stichwort "Einschulungskorridor" firmiert, hat Bayerns Kultusminister Michael Piazolo gerade vorgestellt. Sie klingt vernünftig - und ist es auch. Dabei klingt sie dermaßen unspektakulär, dass der flüchtige Leser über sie hinwegliest -  statt zu feiern! Tatsächlich versteckt sich hinter der Neuregelung  der Sieg des gesunden Menschenverstands über den Turbowahn unserer Bayern-Politiker.

    Hohlmeiers Reform produzierte unreife Grundschulkinder, die unterm Schulranzen fast zusammenbrachen

    Der Blick zurück ist unscharf: aus dem Bayerischen Unterrichtsgesetz, Artikel 37, sind frühere Einschulungsregelungen so gründlich gelöscht, dass zumindest Google sie nicht findet. In den Erinnerungen von Eltern mit mittlerweile pubertären Kindern dürfte allerdings jene 2005 installierte Einschulungsregelung noch weiterleben, die vorsah, auch fünfjährige Oktober-, November- und Dezemberkinder regulär in die erste Klasse zu schicken. Regulär! Elternhirne produzieren dazu Vergangenheitsbilder von spindeldürren 20-Kilo-Kindern, die unter ihren Erstklass-Schultaschen, Schulbüchern und Turnbeuteln regelrecht zusammenbrechen. Von Kindern, die zwar durchaus selbst in die Schule wollten, weil die Freundin auch ging, die sich aber nach ein paar Wochen spielreduziertem Lernalltag erbärmlich nach der Puppenküche des Kindergartens zurücksehnten.

    Diese Einschulungsreform für fünfjährige Herbstkinder geht auf Monika Hohlmeier zurück; jene Kultusministerin, die mit ihrem Antreiber Edmund Stoiber neben der Turbo-Einschulung ja auch das Turbo-Abitur verbrochen hat. Der bis letztes Jahr amtierende Kultusminister Ludwig Spaenle, der einen Großteil seiner Amtszeit drauf verwenden musste, Fehlentscheidungen seiner Vorgänger zu revidieren, hat 2010 die vorzeitige Einschulung um ein Stück zurückgefahren und den 30. September als Stichtag bestimmt. Dass diese Regelung vielen bayerischen Eltern noch zu starr war, kann man unter anderem an der immer noch laufenden Petition gegen bayerische "Früheinschulung" sehen.

    Rückblickend erkennt man deutlich, dass die ersten Millenniumsjahre mit Fünfjährigen-Einschulung, mit G8 landauf, landab und mit der Bologna-Reform offenbar eine Phase darstellten, in der Deutschlands Politiker ausprobieren wollten, ob Kinder nicht doch schneller groß werden, wenn man ihnen das Wachstum gesetzlich verordnet. Natürlich ging es den Politikern damals nicht ums kindliche, sondern ums wirtschaftliche Wachstum: Wer früher in die Schule kommt, verlässt sie auch eher, schreit nach kurzem Bachelor-Studium schon mit 21 auf dem Arbeitsmarkt "Hier!" und steigert sogleich unser Bruttosozialprodukt. Pustekuchen!

    Mittlerweile sehen wir, dass die von oben verordnete Schnellreife keine Früchte getragen hat

    Mittlerweile wissen wir, dass der von oben verordnete Schnellreifeschub keine Früchte getragen hat; im Gegenteil. Eine Mehrheit von Eltern war klug genug, sich gegen die Einschulung ihrer Fünfjährigen zu sperren; eine große Minderheit aber ließ die Kleinen los – mit der Folge, dass diese Kleinen in der Schule, deren Lehrplan dem gesenkten Alter keineswegs angepasst wurde, öfter versagten. Gerade Kinder, die beim Lernen den Druck extrem spürten, nahmen sich als Heranwachsende Auszeiten, verweigerten sich dem System. Wenn heute fast alle deutschen Bundesländer ihre Frühreife-Experimente samt G8 eingestellt haben, dann deshalb, weil sie überall gescheitert sind.

    Was lehrt uns das? Dass wir Machtmenschen misstrauen sollten, die, Wirtschaftlichkeitsberechnungen folgend, Lebensphasen umdefinieren wollen. Ja, das gilt auch für Politiker, die den Renteneintritt nicht auf den normalen Alterungsprozess des Menschen abstimmen, sondern ihn je nach erwarteten Staatseinkünften verschieben.

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