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    Würzburg / Schweinfurt

    Kommentar: Wer sich am Sonntag zur Wahl stellt, verdient Hochachtung

    Viel zu oft werden sie als "Fußabtreter der Frustrierten" missbraucht. Dabei sind ehrenamtliche Kommunalpolitiker in der Demokratie unverzichtbar. Eine Würdigung.
    Über 20 000 Kandidaten stehen am Sonntag allein in Unterfranken zur Wahl.
    Über 20 000 Kandidaten stehen am Sonntag allein in Unterfranken zur Wahl. Foto: Barbara Herrmann

    Diese Zahl ist gigantisch: Allein in Unterfranken bewerben sich an diesem Sonntag über 20.000 Frauen und Männer um über 5500 Mandate in Kreisen, Städten und Gemeinden. Sie alle wollen bei der Gestaltung ihres Wohnorts, ihres direkten Umfelds, mitmachen. Mag schon sein, dass die Kandidaten, die auf Listenplatz 43 einer kleinen Gruppierung für den Kreistag antreten, nicht ganz so ambitioniert sind wie die Bewerber, die weit oben auf den Wahlvorschlägen der Parteien stehen: Hochachtung verdienen jedoch alle, die mit ihrer Kandidatur einen Beitrag fürs Gemeinwohl leisten.

    Er stehe weit hinten auf der Liste X und rechne eigentlich nicht damit, in den Gemeinderat gewählt zu werden, berichtete dieser Tage ein Kandidat aus der Region. Sollte er aber wider Erwarten gewählt werden, dann wolle er es wissen, und seine Kompetenz als Bauingenieur auch für seinen Heimatort einbringen. Genau so ticken viele, die jetzt auf den Stimmzetteln stehen.

    Ja, schon möglich, dass zumindest in den großen Städten den einen oder anderen auch die monatliche Aufwandsentschädigung oder der Posten im Aufsichtsrat einer kommunalen Gesellschaft motiviert. Für die ganz große Mehrheit der Kreis-, Stadt- und Gemeinderäte ist die kommunale Tätigkeit jedoch ein absolutes Ehrenamt. Neben ihren persönlichen Erfahrungen und Fähigkeiten bringen sie vor allem sehr viel Zeit mit, um über Straßen, Wasserversorgung, Windräder, Parkplätze oder den neuen Hausmeister für die Schule zu beraten und zu entscheiden.

    Auch in der Kommunalpolitik fallen die Hemmschwellen 

    Lob und Anerkennung bekommen all die Freiwilligen - wenn überhaupt - dann viel zu selten. Es ist wie so oft im Leben: Erledigen Bürgermeister und Gemeinderäte ihren Job geräuschlos, wird das als selbstverständlich hingenommen. Sobald dem Bürger aber eine Entscheidung nicht gefällt, ist er schnell bereit, sich über die vermeintliche Inkompetenz oder Befangenheit eines Gemeinderats aufzuregen. Viele Hemmschwellen, die früher noch zum guten Ton gehörten, sind längst gefallen, klagen viele, die in der Kommunalpolitik unterwegs sind.

    Was Angela Merkel, Donald Trump oder Greta Thunberg an Bürger-Wut ertragen müssen, ist oftmals grenzwertig, allerdings sind die Protagonisten der Welt- und Bundespolitik meist gut abgeschirmt von Kritikern, die jeglichen Anstand vermissen lassen. Ein Gemeinderat indes trifft den Bürger, der ihn gestern noch übelst beschimpft hat, heute wieder live beim Bäcker, auf dem Fußballplatz oder beim Schulfest der Kinder. Da braucht es ein ganz schön dickes Fell. 

    Bundespräsident Steinmeier: Kommunalpolitik besser schützen 

    "Wir dürfen nicht zulassen, dass Kommunalpolitikerinnen und -politiker in unserem Land zu Fußabtretern der Frustrierten werden", hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dieser Tage bei einem Treffen mit Gemeindevertretern gesagt. Diese Menschen, die bereit sind, ehrenamtlich Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen, müssten besser vor Gewalt und Hass geschützt werden. Man kann dem Bundespräsidenten nur zustimmen.

    Zwei Drittel aller Bürgermeister in Deutschland sind einer aktuellen Untersuchung für das ARD-Magazin "Report München" zufolge schon einmal im Amt beleidigt, beschimpft, bedroht oder angegriffen worden. Für Unterfranken ergab eine Umfrage dieser Redaktion im vergangenen Sommer nicht ganz so hohe Zahlen. Aber besorgniserregend sind auch diese. Gut, dass Politik und Justiz künftig verstärkt solche Übergriffe in den Blick nehmen.

    Dass trotz des Wissens um diese Erfahrungen, bei dieser Wahl wieder Tausende bereit sind, sich für die Zukunft ihrer Kreise, Städte und Gemeinden zu engagieren, stimmt zuversichtlich für die Demokratie. Wir sollten es ihnen mit einer hohen Wahlbeteiligung am Sonntag danken.

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