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    Kommentar: Wie Zuckerberg Facebook retten will

    In einem Gastbeitrag, der an diesem Wochenende unter anderem in der Washington Post und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen ist, schlägt Facebook-Chef Mark Zuckerberg vor, das Internet stärker zu regulieren. Foto: Bertrand Guay, afp

    Mancher mag sich verwundert die Augen reiben, dass nun plötzlich Mark Zuckerberg für einen wirksamen und globalen Schutz der Privatsphäre im Internet plädiert. Ausgerechnet der Gründer und Chef von Facebook schlägt ein internationales Regelwerk vor, um die mögliche Beeinflussung von Wahlen durch Soziale Netzwerke einzudämmen. Dabei waren doch genau das die Punkte, die die Berichterstattung über Facebook in jüngster Zeit geprägt hatten: Datenskandale und Vorwürfe der Wahlmanipulation. Doch jetzt ist Selbstkritik angesagt: "Aus der Politik bekomme ich häufig zu hören, das wir zu viel Macht darüber haben, was gesagt werden darf und was nicht. Offen gesagt, stimme ich zu."

    Zuckerbergs Gastbeitrag enthält einige wichtige Erkenntnisse und Schlüsse

    Es ist schon ein bemerkenswerter Gastbeitrag, den Zuckerberg da am Wochenende in einigen Zeitungen veröffentlicht hat, unter anderem in der "Washington Post" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Bemerkenswert ist der Beitrag schon deshalb, weil er einige wichtige Erkenntnisse und Schlüsse enthält. In der Tat sollten nicht die Internet-Giganten Facebook, Twitter und YouTube selbst nach eigenen Regeln entscheiden, was auf ihren Plattformen gesagt werden darf und was gelöscht werden muss. Dafür braucht es Gesetze und Standards, definiert von der Politik und unabhängigen Gremien, die auch die Einhaltung dieser Standards überprüfen und die Nicht-Einhaltung sanktionieren. Und natürlich muss jeder Nutzer selbst entscheiden können, ob, wofür und in welchem Umfang seine persönlichen Daten von den Netzwerken gespeichert und genutzt werden dürfen.

    Den Widerstand gegen die Regulierung hat Facebook offenbar schon aufgegeben

    Dies sind alles keine neuen Forderungen. Neu ist, so etwas von Zuckerberg zu hören. Und das macht den Beitrag ebenfalls bemerkenswert, zeigt er doch, wie sehr Facebook unter Druck steht. Nicht Reue oder Einsicht treiben Zuckerberg, sondern die pure Angst vor der Zerschlagung seines Lebenswerks. Den Widerstand gegen eine stärkere Regulierung der Sozialen Netzwerke scheint der Facebook-Gründer bereits aufgegeben zu haben. Die ist angesichts der politischen Stimmung vor allen Dingen in den USA wohl nicht mehr zu stoppen. Der Text von Zuckerberg ist der kühne Versuch, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen - um Schlimmeres für sein Unternehmen zu verhindern.

    Deshalb sollten wir Zuckerbergs Aussagen stets mit Skepsis betrachten. Schließlich hat der Gründer, Vorstandsvorsitzende und Mehrheitseigner von Facebook 15 Jahre lang Zeit gehabt, Datenschutz und Transparenz auf seiner Plattform voranzubringen und Hassrede und Manipulation einzudämmen. Passiert ist aber immer nur dann etwas, wenn wieder ein Skandal öffentlich wurde und der Geschäftserfolg bedroht zu sein schien.

    Empörung und Hass sind Teil des Geschäftsmodells

    Skeptisch machen sollten uns auch Vorschläge wie die zur Transparenz von Wahlwerbung. Ja, die Idee ist gut, dass nur registrierte Nutzer Wahlwerbung schalten dürfen. Ja, es ist zu begrüßen, dass Wahlanzeigen in einem öffentlich zugänglichen Archiv gespeichert und einsehbar sind und nicht als "Dark Ads" im Verborgenen nur bestimmten Zielgruppen zugänglich gemacht werden. Aber versucht hier Facebook nicht das, was es selbst schon auf diesem Gebiet entwickelt hat, zum Standard für alle zu machen? Wollen wir das genauso - oder fällt uns da vielleicht noch etwas Besseres ein?

    Das Grundproblem ist ja ein anderes. Solange Empörung und Hass in den Sozialen Netzwerken die stärksten Reaktionen hervorrufen und solange der Facebook-Algorithmus die Beiträge für besonders relevant hält und am häufigsten weiterverbreitet, die die stärksten Reaktionen hervorrufen, solange sind Empörung und Hass Teil des Geschäftsmodells von Facebook. Dazu hat Zuckerberg in seinem Gastbeitrag leider nichts gesagt.

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