• aktualisiert:

    WÜRZBURG

    Kommentar: Wir leben im Zeitalter der Maßlosigkeit

    Sie lernen es nicht. Oder besser gesagt: Eigennutz geht ihnen vor Anstand. Denn im Schnitt kassieren die Vorstände der Dax-Konzerne 52 Mal so viel wie ihre Angestellten. Dabei sagt nicht nur Management-Experte Peter Druckert, Topleute in Konzernen sollten nicht mehr als das 25-fache eines Angestellten verdienen. Die sinnvolle Obergrenze überschreitet Dax-Topverdiener wie SAP-Boss Bill McDermott mit seinem Jahreseinkommen von viel zu hohen 10,8 Millionen Euro um Längen.

    Was das Fatale ist: Eine kleine Gruppe, die Aktiengesellschaften lenkt, prägt das Image des Berufsstandes, ja lässt viele Bürger glauben, eine Kaste von Raffkes herrsche über die Wirtschaft. Das stimmt jedoch nicht. In unzähligen personengeführten Unternehmen Deutschlands herrscht mit wenigen Ausnahmen ein anderer Geist. Hier geht Anstand vor Eigennutz. Hier kommen Inhaber von Maschinenbau-Betrieben mit fünf, sechs Prozent Rendite aus. Hier reinvestieren sie einen großen Teil des Gewinns. Und hier kämpfen sie oft für den Erhalt jedes Jobs.

    Familien-Unternehmen sind das Rückgrat der Wirtschaft

    Die wahren Helden sind keine Dax-Chefs, sondern Familien-Unternehmer, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Doch leider prägen nicht diese Macher-Typen das Bild unseres Unternehmertums. Am Ende wirken die Auswüchse bei der Deutschen Bank meinungsbildender als die solide Bodenständigkeit von Mittelständlern. Da mag die Deutsche Bank sich in einem desaströsen Zustand befinden, trotzdem verdienten dort im vergangenen Jahr 643 Mitarbeiter jährlich mindestens eine Million Euro.

    Das ist aus Sicht von Aktionären, Kunden und Mitarbeitern obszön – ebenfalls wie die Tatsache, dass Ex-Daimler-Chef Dieter Zetsche ein jährliches Mindestruhegeld von 1,05 Millionen Euro bekommen soll. So leben wir in einem Zeitalter der Maßlosigkeit. Eine bizarre Pseudo-Elite ohne Sinn für Maß und Mitte, der die Lehren des Philosophen Aristoteles fremd sind, ist nicht zur Umkehr bereit.

    Außer Rand und Band geraten ist der Fußball-Kapitalismus

    Nach der Jahrtausendwende ging der Anstand in vielen Dax-Konzernen langsam verloren. Ohne Reflexion passten sich die Bosse an den Gehälter- und Boni-Wahnsinn angelsächsischer Prägung an. Dabei wirken die Dax-Abkassierer noch als Waisenknaben im Vergleich zu dem völlig außer Rand und Band geratenen Fußball-Kapitalismus. Hier ist das Epizentrum der maßlosen Gesellschaft zu verorten. So soll ein Fußballer wie Mesut Özil, über dessen Qualitäten die Meinungen auseinandergehen, rund 1,5 Millionen Euro im Monat (!) verdienen. Einer mit unbestrittenen Spitzen-Qualitäten wie Lionel Messi wird auf 10,5 Millionen im Monat geschätzt. Da muten die 7,3 Millionen Jahresbezüge von VW-Chef Herbert Diess sogar akzeptabel an.

    Doch weder Diess noch Messi verdienen so viel Geld. Beide mögen sich ein Beispiel an einer Top-Performerin mit maximal bescheidenem Auftreten nehmen: Kanzlerin Angela Merkel kommt im Monat auf insgesamt auf 29 143,91 Euro brutto, also auf etwa 50 Mal weniger als Özil. Dabei ist Merkel eine geniale politische Pass-Spielerin.

    Es stimmt etwas Grundsätzliches nicht in der Einkommenswelt. Matthias Ginter, der in Diensten Borussia Mönchengladbachs steht, kritisiert zu Recht: „Wenn ich sehe, wie Krankenpfleger schuften müssen und dafür ein Gehalt gekommen, mit dem sie kaum über die Runden kommen, dann muss ich sagen: Natürlich verdienen wir Fußballer zu viel.“ Sport spalte sich zusehends von der normalen Gesellschaft ab. Was Ginter nicht sagt: Das gilt auch für Dax-Manager, was gefährlich für den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft ist.

    Stefan Stahl

    Weitere Artikel

    Kommentare (13)

    Kommentar Verfassen

    Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!