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    Leitartikel Am Ende ist Merkel wieder die Gewinnerin

    Endlich Urlaub! Bundeskanzlerin Angela Merkel ergeht es in diesen Tagen nicht viel anders als Millionen anderen Deutscher, die nach einem anstrengenden und arbeitsreichen Jahr zu Hause oder im Ausland Ruhe und Erholung suchen. Auch wenn Merkel in ihrer bald 13-jährigen Kanzlerschaft schon viele krisenhafte Situation erlebt hat, liegt hinter ihr ein Jahr, das an Herausforderungen und Dramatik seinesgleichen sucht und viel Kraft gekostet hat. Die Strapazen sind ihr anzusehen. Erst die Wahl mit den hohen Stimmenverlusten, dann die gescheiterten Jamaika-Sondierungen, schließlich die schwierigen Verhandlungen mit der SPD und zuletzt die Konflikte auf nationaler wie internationaler Ebene.

    Vier Monate nach der Regierungsbildung stand die Große Koalition kurz vor dem Bruch, nur mit äußerster Kraftanstrengung gelang es ihr, den Konflikt mit ihrem Innenminister, CSU-Chef Horst Seehofer, beizulegen. Gleichzeitig legt US-Präsident Donald Trump die Axt an multilaterale Institutionen wie G7 und die Nato, in der EU nehmen die Fliehkräfte zu. Paradoxerweise ist Angela Merkel am Beginn der Sommerpause aber stärker als noch vor wenigen Wochen.

    Der Asylstreit hat Seehofer geschwächt, nicht Merkel

    Der Konflikt mit Seehofer hat nicht sie geschwächt, sondern den CSU-Chef. Mit seinen Ultimaten, seiner Rücktrittsdrohung und seiner Äußerung, sich von ihr nicht entlassen zu lassen, hat er unbewusst das Gegenteil von dem erreicht, was er eigentlich wollte. Die CDU rückte nicht von ihrer Parteichefin und Kanzlerin ab, sondern stellte sich demonstrativ hinter sie.

    Im Präsidium wie im Bundesvorstand gab es niemanden, der offen Seehofer unterstützte, auch die Unionsfraktion ließ sich nicht auseinanderdividieren. Selbst Abgeordnete, die in der Sache der Zurückweisungen an der Grenze Seehofer recht gaben, distanzierten sich von seinem Vorgehen und seinen Äußerungen. So kam es, wie es kommen musste. Während der angeschlagene Seehofer mit Rücktrittsforderungen konfrontiert wird und selbst bayerische Parteifreunde offen Kritik üben, herrscht in der CDU – wieder einmal – Ruhe.

    In der Union gewinnen die liberalen Kräfte an Bedeutung

    Merkel wird von niemandem infrage gestellt, im Gegenteil, als Reaktion auf die Krise hat sich mit der „Union der Mitte“ eine neue liberale Gruppierung gebildet, die lautstark den Kurs der Kanzlerin unterstützt und sich als Gegengewicht zur konservativen „Werte-Union“ versteht. Und nicht der Liebling der Konservativen, Jens Spahn, sondern der Jamaika-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Daniel Günther, gewinnt zunehmend an Statur und Gewicht.

    Zweites Paradoxon: Es ist ausgerechnet die Schwäche der SPD, die Merkel schützt und stützt. Die Sozialdemokraten können angesichts ihrer desaströsen Umfragewerte kein Interesse an einem schnellen Bruch der Koalition und vorzeitigen Neuwahlen haben. So sehr sind sie mit sich selber und ihrem Erneuerungsprozess beschäftigt, dass ein Wahlkampf zur Unzeit käme, personell wie finanziell. Andrea Nahles braucht noch Zeit, um an Profil zu gewinnen, auch das stabilisiert die Koalition.

    Das dritte Paradoxon: Auch US-Präsident Donald Trump hat mit seinen Äußerungen und seinem Verhalten auf dem Nato-Gipfel, dem G7-Gipfel, seinem Treffen mit Putin sowie mit dem von ihm angezettelten Handelskrieg Merkel nicht geschwächt, sondern eher gestärkt. Ihr Credo, dass die großen Probleme nicht mit nationalen Alleingängen gelöst werden können, ist in Europa noch immer mehrheitsfähig.

    So ist es wie immer – am Ende ist Angela Merkel die Gewinnerin. In ihrer eigenen Partei hat sie alles im Griff, CSU und SPD ringen mit sich selber, die Große Koalition hat die erste schwere Krise überstanden. Nun kann sie gelassen in den Urlaub fahren – und endlich einmal ausschlafen.

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