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    Leitartikel: Audi zahlt hohen Preis für den Verlust des Anstands

    Der Autor Axel Hacke hat ein Buch mit einem umständlichen Titel geschrieben. Es heißt: „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen.“ Die Sache mit der Moral ist lästig, bereitet sie doch stets Umstände. Wer es ernst meint mit dem ethisch vertretbaren Verhalten, führt ein mühsames Leben, muss er sich immer wieder mit dem Philosophen Immanuel Kant fragen: Wie wirkt sich, was ich tue, auf andere aus?

    Umständlich ist das mit dem Anstand. Oft ist Verzicht der Preis – auf persönlichen Vorteil oder schnellen Reibach. Das Buch des Idealisten Hacke wäre eine erkenntnisreiche Lektüre für den früheren Audi-Chef Rupert Stadler und Ex-VW-Boss Martin Winterkorn. Es käme für sie einer Anleitung zur Buße gleich, schreibt doch der Journalist: „Denn es schwappt nicht nur eine Woge der Anstandslosigkeit um die Welt, sondern ein ganzer Ozean tobt.“

    Eine moralische Kapitulationserklärung

    Auch wenn für Stadler und Winterkorn weiter die Unschuldsvermutung gilt, ist eines klar: Beide haben darin versagt, dem unanständigen Treiben, also der Abgas-Manipulation, Einhalt zu gebieten. Jenseits der wohl noch vor Gericht zu klärenden juristischen individuellen Schuld tragen beide Manager politische Verantwortung für eine moralische Kapitulationserklärung ohnegleichen. Denn ausgerechnet im Volkswagen-Konzern, der seit jeher bestrebt ist, Autos für das Volk zu bauen, haben Ingenieure und Manager das bei ihnen kräftig Autos bestellende Volk belogen und betrogen.

    Die Verantwortlichen setzen dem immensen internen Druck, bestimmte Stickoxid-Werte einzuhalten, keinen Wall des Anstands und damit Aufbegehrens entgegen, sondern wählten den einfachsten, eben kriminellen Weg. So soll einer der Übeltäter zu Winterkorn gesagt haben: „Wir haben beschissen.“ Wie verharmlosend!

    Die Ignoranz mancher Manager hat VW und Audi trotz aller Befreiungsversuche mit moralisch wertvollen Elektroautos auf eine mindestens sechsjährige Höllenfahrt geschickt. Wie schon beim Siemens-Korruptionsskandal entfaltet sich ein Dreiklang des Schreckens: Nach einer ersten Phase der Aufdeckung der Diesel-Affäre und der Anprangerung der Chefs folgt eine zweite der Rücktritte und Milliardenstrafen. Da die Justiz in Deutschland gründlich arbeitet, überlastet ist und daher länger braucht, bis es zum Prozess kommt, setzt das dritte Kapitel erst ein, wenn die Unternehmen glauben, sich wieder freigeschwommen zu haben.

    Mehr Anstand ist besser als mehr PS

    Daher ist es für die heutigen Konzern-Lenker tragisch, dass noch einmal alle Unanständigkeiten ihrer Vorgänger ans Tageslicht gezerrt werden. Es dauerte ewig, bis Siemens wieder ein normaler Konzern war. Doch diese simplen Zusammenhänge waren den Abgas-Betrügern keine Lehre. Es ist erschreckend, wie eindimensional Top-Manager immer wieder denken. All ihre betriebswirtschaftlichen und technischen Fähigkeiten laufen ins Leere, wenn sie moralisch nicht unterfüttert sind.

    Nun müssen die Audianer noch einmal leiden: Wenn Stadler vor Gericht auftritt, werden wohl mit ihm angeklagte frühere Mitarbeiter gegen ihren einstigen Chef aussagen, was auch nicht gerade anständig ist. Am Ende steht also auch noch eine Selbstzerfleischung.

    Derlei Szenen aus den Verfahren werden Schlagzeilen machen, größere, als wenn VW und Audi neue Elektroautos vorstellen. Vielleicht sollen sich beide Unternehmen mit Axel Hacke verbünden, der den Anstand zurückerobern will. Das klingt konservativ, ist in Wirklichkeit aber enorm progressiv. Mehr Anstand ist besser als mehr PS.

    Von Stefan Stahl red.politik@mainpost.de

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