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    Leitartikel Die FDP hat die Frauen viel zu lange ignoriert

    Als Christian Lindner den Vorsitz der FDP übernahm, hatten viele schon das Totenglöcklein für die Partei geläutet. Die Partei war aus dem Bundestag geflogen und die seinerzeit noch wirtschaftsliberale AfD drohte ihr den Garaus zu machen. Schattenjahre nannte Lindner diese dunkle Zeit, in der die Freien Demokraten schwer gegen das Verschwinden kämpften. Unter der Ägide des jungen Vorsitzenden rappelte sich die Partei auf, und nach vier Jahren in der außerparlamentarischen Opposition kehrte sie mit über zehn Prozent triumphal in den Bundestag zurück.

    „Ab jetzt gibt es wieder eine Fraktion der Freiheit im Deutschen Bundestag. Nach einem Scheitern ist ein Neuanfang möglich“, hatte Lindner den jubelnden Anhängern in der Wahlnacht zugerufen. Die Krönung dieses Neuanfangs hätte die Bildung einer Jamaika-Koalition mit CDU/CSU und den Grünen sein können. Doch der Parteichef zog die Reißleine. „Es ist besser nicht zu regieren, als falsch zu regieren.“ Mit diesem Satz ließ er die Chance fahren, Deutschland mit einem frischen Regierungsbündnis zu wandeln.

    In der Opposition erlebt die FDP den Stillstand

    Die FDP suchte ihr Glück in der Opposition – und steht seitdem still. In den Umfragen pendelt sie seit einem Jahr im schmalen Band zwischen acht und zehn Prozent. Lindner führt die Liberalen unangefochten, dringt aber mit seinen Themen nicht durch. Gelingt es ihm doch, dann fällt er negativ auf. Seine Abwertung der Schülerproteste für einen radikalen Klimaschutz hat ihn Sympathien gekostet und Kritik eingebracht: Stil und Ton waren es, die den 40-Jährigen haben alt und unsympathisch wirken lassen. Die ohnehin schwache Position der FDP beim Klimaschutz ist nun zusätzlich infrage gestellt. Bei diesem Jahrhundertthema, das die Politik auf unbestimmte Zeit beschäftigen wird, ist das ein eklatantes Manko.

    Das fehlende Profil der Partei beim Klimaschutz ist eng mit einem anderen Übel der Freien Demokraten verbunden. Die FDP spricht viel zu wenige Frauen an, sie verschenkt eine Hälfte des Wahlvolks. Frauen, das zeigt die Wahlforschung, wählen seit den 80er Jahren eher links und für einen starken Sozialstaat. Sie interessieren sich auch stärker als Männer für Naturschutz und die Bewahrung des Planeten. Dürften in Deutschland nur Frauen wählen, wären die Grünen stärkste Partei. Der Porsche-Fahrer und Jäger Christian Lindner steht hingegen für ein traditionell männliches Rollenbild. Immerhin hat er den Schwachpunkt erkannt. Auf dem am heutigen Freitag beginnenden Bundesparteitag wird es sich die FDP wohl selbst verordnen, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen.

    Die neue Generalsekretärin hat viel Arbeit vor sich

    Das neue Gesicht für die Öffnung zur weiblichen Wählerschaft soll die designierte Generalsekretärin Linda Teuteberg werden. Die 38-jährige Brandenburgerin kassierte in einem Interview soeben Lindners abfällige Kommentare über die Klimaproteste der Schüler und will sich mit ihnen zusammensetzen. Dass die FDP ein Frauenproblem nicht nur bei den Wählern, sondern auch bei den Mitgliedern hat, zeigen Zahlen aus der Parteizentrale. Nur 14 000 der rund 65 000 Mitglieder sind weiblich, was einem Anteil von 20 Prozent entspricht.

    Teuteberg hat also viel Arbeit vor sich. Sie muss Lindners maskulines Image und das überbordende Machotum von Partei-Vize Wolfgang Kubicki ausgleichen. Das wird sie aber nur schaffen, wenn die Nummer 1 und die Nummer 2 ihr auch den Raum dazu lassen. Sowohl Kubicki als auch Lindner haben die Partei vom Totenbett zurückgeholt. Wenn sie noch einmal über ihren Schatten springen, könnten die Freien Demokraten noch erfolgreicher werden.

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