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    Leitartikel: Dieser Protest ist einer der leichten Art

    Beim Streitthema Nummer eins, dem Klima, lassen sich gerade gut verschiedene Formen des Protestes und ihre unterschiedlichen Auswirkungen beobachten. Eine beliebte, aber weitgehend sinn- wie wirkungslose Demonstrationsform ist die Smartphone-Kundgebung vom Sofa aus. Wem etwas nicht passt – das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung beispielsweise –, der haut bequem von Zuhause ein paar markige Sprüche raus und lehnt sich wieder zurück in dem trügerischen Bewusstsein, es den anderen mal so richtig gegeben zu haben. Ergänzt wird diese Gruppe der gemütlichen Kartoffelchips-Demonstranten durch jene, die meinen, mit dem Besuch und dem Beklatschen einer politischen Kabarettshow bereits den Zenit demokratischer Partizipation erreicht zu haben.

    Ein Stück, aber nicht sehr weit davon entfernt ist die Kundgebung der Bewegung Extinction Rebellion (XR), die am Montag in Berlin gestartet ist. Im Gegensatz zu den Demonstrationen von Fridays for Future oder zu den Protesten gegen hohe Mieten suchen die XR-Leute den vergleichsweise einfachen Weg: Sie laufen ein paar Meter vom Camp neben dem Kanzleramt zur Siegessäule oder zum Potsdamer Platz, setzen sich dort auf die Straße und blockieren den Verkehr. Gefährlich ist das kaum, denn die frühzeitig in Kenntnis gesetzte Polizei ist sofort zur Stelle und übernimmt die Umleitung von Autos und Bussen.

    Liebe Demonstranten, etwas Mühe darf schon sein!

    Nun muss, soll und darf Protest niemanden gefährden. Aber ein bisschen Mühe dürfte es vielleicht doch schon sein. Wer mit einem Demonstrationszug durch die Straßen zieht, muss beispielsweise Genehmigungen einholen, sich mit der Polizei besprechen, für eigene Sicherheitsleute sorgen und einiges mehr. Nicht so bei den Protesten der XR-Bewegung: Die nehmen lediglich von dem Staat, den sie so heftig kritisieren. Geben aber wollen sie nicht.

    Andererseits hat diese Bequemlichkeit auch ihr Gutes. Denn zumindest in Berlin ist die XR-Bewegung weit von der Radikalität entfernt, die beispielsweise ihrem Mitbegründer Robert Hallam gerüchteweise anhaftet. Wer die Kundgebung in Berlin beobachtet, wird leise Gesänge vernehmen, man geht sehr freundlich mit sich und den Sicherheitskräften um. Gefährlich wirkt das Geschehen auch deshalb nicht, weil anstelle der vielen Tausend Menschen, die sich die Organisatoren erhofft hatten, zum Auftakt nur gut eintausend, maximal zweitausend Menschen gekommen sind. In der Bundesregierung schlottern wegen der zahmen Rebellen derzeit jedenfalls niemandem die Knie.

    Der Anspruch der Bewegung mutet grotesk an

    Angesichts der vergleichsweise mageren Beteiligung und der gesamten Umstände mutet der Anspruch von Extinction Rebellion nahezu grotesk an. XR-Mitglied Carola Rackete, die es als Kapitänin und Flüchtlingsretterin im Mittelmeer zu Ruhm gebracht hat, vergleicht die „Rebellen“ in einer 15-minütigen, vom Blatt abgelesenen Rede vor der Siegessäule mit der Anti-Apartheitsbewegung, der Frauenrechtsbewegung und der von Mahatma Gandhi angeführten Unabhängigkeitsbewegung in Indien. Dieser Vergleich hinkt, denn bei den drei genannten Protestbewegungen waren nicht nur ungleich mehr Menschen beteiligt – sie hatten es vor allem auch mit deutlich größeren Widerständen ihrer Regierungen und der Bevölkerung zu tun.

    Die Demonstranten wollen mindestens die ganze Woche lang nonstop in der Hauptstadt ausharren, am liebsten so lange, bis die Regierung den „ökologischen Notstand“ ausruft. Da die Berliner Nächte bereits sehr kalt sind, bleibt abzuwarten, ob der Protest anhält – oder ob am Ende die Bequemlichkeit siegt.

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