• aktualisiert:

    Leitartikel: Dieser Streik ist wenig solidarisch

    Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“: Der Vers aus der Hymne des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“, des Vorläufers der SPD, beschreibt weniger symbolisch die Macht der Lokführer heute, besser gesagt ihrer Gewerkschaft GdL. Rund 70 Prozent der deutschen Lokführer sind in ihr organisiert. Da tut ein flächendeckender Streik richtig weh. Doch dieser Streik führt aufs Abstellgleis. Nicht nur die Loks, die im Bahnhof bleiben müssen, sondern auch die Tarifautonomie und am Ende vielleicht sogar die Gewerkschaft selbst.

    Das Streikrecht gehört zur Demokratie, es stärkt die Durchsetzungskraft der Schwächeren und bringt ein Stück Solidarität in unser Wirtschaftsleben, das ansonsten nach den Regeln des Marktes funktioniert. Gewerkschaften, Tarifautonomie und Streikrecht machen unsere Marktwirtschaft zu einer sozialen. Damit ist die Bundesrepublik in ihrer Geschichte immer gut gefahren.

    Das zu akzeptieren fällt schwerer, wenn man frierend am Bahnsteig steht, viel zu lange auf die S-Bahn warten muss oder einem der Flug in den Urlaub vor der Nase gestrichen wird. Ja, das nervt, gehört aber dazu.

    Doch die aktuelle Tarifauseinandersetzung zwischen Bahn und GdL hat mit Solidarität und Tarifautonomie nur am Rande zu tun. Im Kern geht es um einen knallharten Konkurrenzkampf zwischen der relativ kleinen GdL und der sehr viel größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Weil Lokführer die Räder nun einmal sehr viel effektiver zum Stillstand bringen, hat ihre Vertretung längst die Tarifunion mit anderen Eisenbahnern verlassen. Seit ein paar Jahren versucht man zudem Zugbegleiter und anderes Servicepersonal zu gewinnen. Mit Erfolg, hat die GdL doch gute Abschlüsse vorzuweisen.

    Zu welchem Preis? Arbeitgeberverbände, Politik und klammheimlich sogar der DGB als Vertreter der großen Einheitsgewerkschaften liebäugeln längst mit einem Tarifeinheitsgesetz. Dann dürfte nur noch die Gewerkschaft streiken, die die meisten Arbeitnehmer einer Branche vertritt. Berufsgewerkschaften, wie die der Piloten, Ärzte und eben die GdL, bliebe das Verteilen goldener Ehrennadeln, wenn überhaupt noch einer jahrzehntelang Mitglied bei ihnen bleiben würde.

    Für Unternehmen hätte das viele Vorteile, aber es ist und bleibt ein Armutszeugnis für die Tarifautonomie. Nur noch in Sonntagsreden verbitten sich die Tarifpartner jeglichen politischen Einfluss bei der Lohnfindung. Im Alltag sind es die Verhandlungspartner selbst, die ihre Tarifhoheit Stück für Stück an die Politik abtreten. Gewerkschaften machen sich für den staatlichen Mindestlohn stark, die Arbeitgeberverbände betteln um Schützenhilfe im Streit mit den Spartengewerkschaften. Dabei scheinen sie zu vergessen, dass die Politik vor jeder Wahl ein sehr viel größeres Tarifrisiko darstellt als jede Gewerkschaft.

    Arbeitnehmervertreter, die im Kampf um neue Mitglieder ihre Forderungen immer weiter nach oben treiben, die die Schlüsselpositionen ihrer Mitglieder ausnutzen, ohne an alle Beschäftigten ihrer Branche zu denken, die den Egoismus vor die Solidarität stellen, müssen sich nicht wundern, wenn sich das Blatt gegen sie wendet.

    Tarifgemeinschaften, Solidarität mit den schwächsten Arbeitnehmern und der Blick aufs Ganze einer Branche – oder schlicht die Vernunft sollten wieder Einzug halten. Dann kommen Tarifparteien sehr gut ohne die Politik aus.

    Weitere Artikel

    Kommentare (1)

    Kommentar Verfassen

    Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!