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    Leitartikel Es ist richtig, auch gegen alte Männer zu ermitteln

    Ist es wirklich sinnvoll, Greise wie den 95-jährigen früheren SS-Mann Jakiw Palij heute noch vor Gericht zu stellen? Zumal sie aufgrund ihres Alters vermutlich ohnehin nie ein Gefängnis von innen sehen werden – auch wenn sie sich nach deutschem Rechtsverständnis im Dritten Reich strafbar gemacht haben. Klare Antwort: Ja, es ist sinnvoll!

    Ein Zeichen der historischen und moralischen Verantwortung

    Denn historische Verantwortung kennt keinen Schlussstrich. Darauf hat Außenminister Heiko Maas in dieser Woche bei seinem Besuch der KZ-Gedenkstätte Auschwitz noch einmal unmissverständlich hingewiesen. Die Schuld derer, die in deutschem Namen schlimmste Verbrechen begangen haben, vergeht nicht. Die Bundesregierung hat nach jahrelangem Gezerre um seine Abschiebung aus den USA mit der Aufnahme des früheren Nazi-Kollaborateurs Palij jetzt ein längst fälliges Zeichen der historischen und moralischen Verantwortung Deutschlands gesetzt.

    Zugegeben: Der Fall Palij weist einige Besonderheiten auf. Der ehemalige Wärter eines NS-Arbeitslagers ist kein deutscher Staatsbürger. Außerdem dürfte nach jetzigem Stand ein Gerichtsverfahren gegen den Mann eher unwahrscheinlich sein. Bereits 2016 war ein von der Staatsanwaltschaft Würzburg geführtes Verfahren gegen ihn wegen Beihilfe zum Mord eingestellt worden – aus Mangel an Beweisen. Dies ist aber keine Entscheidung für die Ewigkeit, sollten sich neue Erkenntnisse ergeben, heißt es dazu bei der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg.

    Unbestritten ist, dass Jakiw Palij als bewaffneter Aufseher im nationalsozialistischen Arbeitslager der SS in Trawniki tätig war. Es handelte sich dabei um ein Zwangsarbeitslager für jüdische Frauen, Männer und Kinder im von den Nationalsozialisten besetzten Polen. Seine Hauptaufgabe bestand darin, Häftlinge an der Flucht zu hindern. Im November 1943 wurden im Lager Trawniki 6000 Juden erschossen. Eine Tatbeteiligung konnte Palij bislang nicht nachgewiesen werden. Laut US-Botschafter Richard Grenell soll er jedoch während des Massakers vor Ort gewesen sein.

    Es ist auf jeden Fall wichtig und richtig, dass gegen mutmaßliche NS-Verbrecher weiterhin ermittelt wird – trotz hohen Alters der Beschuldigten. Denn Mord verjährt nicht. Der nationalsozialistische Staat hatte damals entschieden, Juden systematisch zu vernichten. Alles andere, als die Täter des Holocausts, diesem einzigartigen Bruch mit der Zivilisation, solange zu verfolgen, wie Verdächtige noch leben, wäre inakzeptabel.

    Zumal seit der Verurteilung des früheren SS-Mannes Oskar Gröning im Juli 2015 nicht mehr jedem einzelnen NS-Verbrecher eine konkrete Tat nachgewiesen werden muss. Das Landgericht Lüneburg hatte Gröning wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt. Er hatte zugegeben, Geld aus dem Gepäck der Verschleppten gezählt und weitergeleitet zu haben. Der Bundesgerichtshof (BGH) hat das Urteil später bestätigt.

    Neue Perspektiven bei der Suche nach Schuldigen

    Der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen hat diese höchstrichterliche Entscheidung neue Perspektiven bei der Suche nach Schuldigen eröffnet, wie ihr Leiter, Jens Rommel, mit verständlicher Genugtuung feststellt: „Früher glaubte man, eine Clique von fünfzehn, zwanzig Leuten wie Hitler, Göring und Himmler wären mit einer Handvoll Handlanger für die Verbrechen verantwortlich. Aber es waren Zehntausende Grönings, die den Massenmord erst möglich machten. Das ist eine grundlegende Erkenntnis: Es waren nicht wenige Mörder. Es waren viele.“

    Deshalb ist es gut, dass die Ermittler auch mehr als 70 Jahre nach Kriegsende nicht locker lassen. Das ist der Staat den Opfern schuldig.

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