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    Leitartikel Freiheit für Gymnasien

    Es gibt Menschen, die jahrelang in die falsche Richtung laufen. Zunächst tun sie es, weil sie ehrlich glauben, auf einem guten Weg zu sein. Dann kommt der Punkt, an dem sie erkennen, dass sie sich geirrt haben. Trotzdem kehren sie nicht um. Warum? Weil ihnen mehr noch als die Aussicht, auf dem falschen Weg weitergehen zu müssen, das Eingeständnis des Scheiterns Angst macht. Und so stolpern sie weiter – aus Angst vor Gesichtsverlust.

    Genauso verhält sich Bayerns Staatsregierung, wenn es ums G8/G9 geht. Mag sein, dass Ministerpräsident Edmund Stoiber 2004, als er Bayern das G8 verordnete, wirklich selbst daran glaubte, das Richtige zu tun. Schon bald nach der Einführung durch die unerfahrene Ministerin Monika Hohlmeier wurde aber deutlich, dass das G8 den Schülern nicht bekam. Kein Wunder – war doch der G9-Schulstoff fast ungekürzt ins G8 übernommen worden. Kinder wurden unter der Bürde von Acht-Stunden-Tagen blass und gestresst; Eltern blass und besorgt. Die Abbrecherquote stieg. Damals, nach zwei oder drei Jahren G8, hätte die Staatsregierung die Reißleine ziehen müssen – aber da war Stoiber vor. Er amtierte bis 2007; das G8 galt als „sein“ Projekt.

    Nicht der Glaube an die verkürzte Schulform ließ die CSU-Regierung damals weiter den G8-Weg beschreiten, sondern die Angst vor dem Glaubwürdigkeitsverlust kurz vor den Landtagswahlen 2008. Und so wechselten sich beim G8 Reformen mit Reförmchen ab, manche sinnig, manche nicht (wie das Flexibilisierungsjahr, das an der Zielgruppe vorbeiging). Die jüngste Neuerung ist die „Mittelstufe Plus“ – ein Pilotversuch, der an 47 Schulen neben der dreijährigen auch eine vierjährige Mittelstufe führt. Er wird gut angenommen: Rund 60 Prozent der Schüler haben sich für die vierjährige „Mittelstufe“ gemeldet; im nächsten Schuljahr sollen es wohl schon 70 Prozent sein. Dies veranlasst aktuell G8-Kritiker dazu, ein Jahr vor Ablauf des Pilotversuchs nach flächendeckender Wiedereinführung des G9 zu rufen.

    Tatsächlich gibt es nach zwölf Jahren G8 in Bayern keine einzige namhafte Gruppe, die wirklich hinter dieser Schulform stünde. Allerdings auch keine geeinte Front fürs G9: Der Philologenverband hat sich für eine Rückkehr zum G9 ausgesprochen; der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband ist sowieso gegen das G8; die Direktorenvereinigung ist stabil uneins; die Elternverbände verkomplizieren die Situation, indem sie ständig einer grundsätzlichen „Änderung der Lernkultur“ das Wort reden und die Schüler selbst positionieren sich selten. Nur mal angenommen, Ministerpräsident Horst Seehofer veranlasste seinen Kultusminister Ludwig Spaenle tatsächlich, noch vor Ablauf des zweijährigen Pilotversuches „Mittelstufe Plus“ das G9 wiedereinzuführen – es entstünde statt Konsens neues Chaos. Die eine Gruppierung würde aus dem G8 die Intensivierungsstunden ins neue G9 hinüberretten wollen, die andere Interessensgruppe die Einführung der 2. Fremdsprache in der 6. Klasse nicht aufgeben wollen.

    Die sinnvollste Lösung wäre es, den Gymnasien weiter das Zentralabi vorzugeben und die einzelnen Schulen endlich frei wählen zu lassen, ob sie ihren Schülern die acht- oder die neunjährige Gymnasialform anbieten und sie diese individuell gestalten zu lassen. Für die Staatsregierung wäre es eine Lösung ohne Gesichtsverlust. Für die Schulen eine Herausforderung. Und für Bayerns künftige Abiturienten eine Erleichterung.

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