• aktualisiert:

    Leitartikel: Keine Angst vor unserem Essen

    Seit einigen Jahren gibt es eine wenig besinnliche Adventstradition: Pünktlich zum Beginn der Weihnachtszeit warnen Verbraucherschützer vor der Schokolade, die in Adventskalendern steckt. Denn einige der süßen Tafeln enthalten Rückstände von Mineralöl, also Stoffe, die möglicherweise krebserregend sind.

    So lange es die Tests gibt, streiten Experten aber auch schon: Ist die Menge, die in der Schokolade gefunden wurde, tatsächlich gefährlich? Oder machen die Verbraucherschützer viel Wind um wenig?

    Feststeht: Der Gedanke an Industrie-Reste im Essen ist gruselig. Völlig verständlich, dass vielen Verbrauchern da der Appetit vergeht – und sie beim nächsten Einkauf verunsichert vor dem Süßigkeiten-Regal stehen.

    Bedenklich wird es aber dann, wenn diese Verunsicherung in eine pauschale Lebensmittel-Hysterie umschlägt – und der einzelne sich plötzlich von seinem Essen bedroht fühlt.

    Geht es um Ernährung, stehen sich viele Menschen immer öfter gegenüber als würden sie verschiedene Religionen angehören. Sie unterteilen Lebensmittel in Gut und Böse, in Richtig und Falsch. „Foodamentalismus“ nennt das Johann Kinzl, Mediziner an der Universität Innsbruck.

    Für die einen ist Kuhmilch Gift, die anderen warnen vor rotem Fleisch und Zucker – und zwar radikal und unabhängig davon, ob die Lebensmittel maßvoll oder in Massen verzehrt werden.

    Einen besonders schlechten Ruf haben Gluten und Laktose, obwohl beide Stoffe für gesunde Menschen vollkommen unbedenklich sind. Immer mehr Leute scheinen aber zu glauben, das eine oder das andere nicht zu vertragen: Jeder dritte deutsche Haushalt kauft inzwischen laktosefreie Produkte.

    Dabei haben nach einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung etwa 80 Prozent der Käufer keine Unverträglichkeit.

    Diese Lebensmittel-Hysterie führt dazu, dass Ernährung nicht mehr als etwas Natürliches angesehen wird. Sondern als etwas, das nach einem festen Regelwerk funktionieren muss.

    Das lässt aber weder Raum für Genuss noch für die kleinen Momente, in denen man über die Stränge schlägt. Für Mitmenschen kann das anstrengend sein. Im schlimmsten Fall aber wird es gefährlich: Wenn der Körper die Diät nicht verträgt oder es zu Mangelerscheinungen kommt.

    Was besonders paradox ist: In kaum einem anderen Lebensbereich gibt es so viele Mythen, Ängste und Vorurteile, sehnen sich so viele Menschen zurück in die vermeintlich bessere Zeit von Urkorn und Steinzeit-Diät.

    Gleichzeitig ist unser Essen heute sicherer als jemals zuvor. Auch wenn die Lebensmittelindustrie keineswegs frei von Problemen und Skandalen ist: Niemals zuvor hatten Verbraucher eine derart große und gesunde Auswahl an Produkten. Und auch niemals zuvor standen Obst, Gemüse, Eier oder Fleisch so sehr unter Beobachtung, wurden so regelmäßig untersucht wie heute. Die Zahl der Waren, die von den Kontrolleuren beanstandet werden, liegt meistens bei unter einem Prozent.

    Dass das in vielen Köpfen aber noch immer nicht drin ist, liegt auch an Begriffen wie Dioxin, Ehec oder Pferdefleisch. Denn Lebensmittel-Skandale verzerren unser ohnehin oft verzerrtes Bild von der Ernährungs-Wirklichkeit weiter.

    Lebensmittelhersteller müssen deshalb unentwegt daran arbeiten, das Vertrauen der Verbraucher zu bekommen und zu behalten. Das geht nur, wenn sie ihre bereits hohen Standards ständig verbessern. Viele Verbraucher sollten ihrerseits auf Gelassenheit statt Hysterie setzen. Ein Essens-Ratgeber ist nicht die Bibel.

    Viel wichtiger ist es, auf den eigenen Körper zu hören – und anderen Menschen dasselbe Recht zuzugestehen.

    Von Sarah Schierack

    red.politik@mainpost.de

    Kommentare (1)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!