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    Leitartikel. Macron setzt auf Show an der Atlantikküste

    Zu Schulzeiten spielte Emmanuel Macron Theater. Seine Rollen verkörperte er mit viel Sinn für Pathos unter dem strengen Blick der damaligen Leiterin der Schultheater-Gruppe, seiner heutigen Frau Brigitte Macron. Den Hang zu ausdrucksstarken Worten und Gesten und die Liebe zur (Selbst-)Inszenierung hat sich Frankreichs Präsident bewahrt. Sein Kommunikationstalent war einer der Schlüssel für seinen Wahlerfolg. Es nutzt dem 41-Jährigen weiterhin, auch beim Verfolgen seines Ziels, die diplomatische Bedeutung Frankreichs zu stärken.

    Nun fällt Macron die Rolle des Gastgebers bei der Ausrichtung des G7-Gipfels zu, der ab Samstag im südfranzösischen Biarritz stattfindet. Er setzt auf starke Bilder mit sechs der einflussreichsten Staats- und Regierungschefs in dem mondänen Heilbad an der Atlantikküste. Überschattet werden dürften die Gespräche von den Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China sowie von der Hongkong-Krise.

    Welche Kompromisse sind bei einem Gipfel zu erwarten?

    Generell stellt sich bei internationalen Gipfeln die Frage, welche belastbaren Kompromisse zu erwarten sind – über vage Ankündigungen und die Selbstbeweihräucherung der Teilnehmer hinaus. Welchen Sinn haben Gespräche zwischen Politikern, deren Positionen von vornherein festgefahren sind? Diese Problematik ist umso offensichtlicher, seit der US-Präsident internationale Vereinbarungen ignoriert und nicht einmal mehr zum Schein auf Harmonie mit internationalen Partnern setzt.

    Während Donald Trump seine Wähler über drastische Provokationen zu beeindrucken versucht, geht Macron den diplomatischen Weg. Am Montag empfing er in seiner Urlaubsresidenz Fort de Brégançon an der Côte d‘Azur den russischen Präsidenten Wladimir Putin, der seit der Annexion der Krim 2014 aus dem Kreis der vorherigen G8 ausgeschlossen ist. Damit setzte Macron ein Zeichen der Entspannung trotz Meinungsunterschiede. Putin hat eine Machtposition bei internationalen Konflikten – von den Sorgen um das iranische Atomprogramm über die Lage in Syrien bis zu jener in der Ukraine. Ob er diese aber bereit ist anzupassen, erscheint ungewiss. Ähnlich begrenzt erscheint Macrons Spielraum beim G7-Gipfel.

    Die Diskrepanz zwischen Show und Realität ist groß

    Nach den Gelbwesten-Protesten in Frankreich und infolge der großen Aufmerksamkeit für die Klima-Aktivistin Greta Thunberg hat Macron Gleichheit und Umweltschutz zu Schwerpunkten ausgerufen – neben der Sicherheit und der Terrorbekämpfung, der digitalen Wirtschaft und der Förderung afrikanischer Länder. Künftig sollen auch andere Staaten in die G7-Gespräche mit einbezogen werden. Versprochen wurde das auch den Nichtregierungsorganisationen – doch diese beklagen, dass nur zehn Vereinigungen zugelassen wurden.

    Das illustriert die Diskrepanz zwischen der Show und der Realität, den Versprechen und ihrer Umsetzung, den schönen Bildern vor toller Kulisse und den erwartbaren Fortschritten. Der PR-Profi und Theater-Liebhaber Macron wird eine spektakuläre Veranstaltung inszenieren, durchaus getrieben von echten Ambitionen. Bleiben aber Resultate aus, wirft das einmal mehr die Frage auf, ob das Format des G7-Gipfels noch zeitgemäß und gewinnbringend ist.

    Zu Recht kritisieren Gipfel-Gegner fehlenden politischen Willen zur Bekämpfung der Armut weltweit und eine zutiefst ungleiche Weltordnung. So begrüßenswert es erscheint, dass die mächtigsten Politiker der Welt zum Dialog zusammenkommen, so enttäuschend ist es, wenn es einmal mehr bei reinen Lippenbekenntnissen bleibt – wenn überhaupt.

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