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    Leitartikel: Verbraucher lassen sich bereitwillig täuschen

    Zum Wesen des Lebensmittelskandals gehört, dass er genau zwei Reaktionen hervorruft: zuerst ein angewidertes Schütteln und dann einen empörten Aufschrei. Ob Gammelfleisch am Dönerspieß, Kakerlaken in der Backstube oder – wie jetzt – Insektenvernichter im Hühnerei: In der Regel ist der Ekel ebenso groß wie die Zahl der Schuldzuweisungen, die danach zwischen Herstellern, Verbraucherschützern und Kontrolleuren hin- und herfliegen. Strengere Tests in den Betrieben, härtere Strafen für Betrüger – all das wird schon fast reflexartig gefordert, sobald ein neuer Skandal aufgedeckt wird.

    Unser Essen war noch nie sicherer als heute

    Natürlich sind diese Forderungen nicht falsch. Und natürlich ist es richtig, dass die Behörden jetzt schnell reagieren. Jeder Verbraucher hat ein Recht darauf, dass seine Milch, seine Eier oder sein Schinken regelmäßig untersucht und kontrolliert werden. Aber es ist falsch, in Hysterie zu verfallen. Denn unser Essen war noch nie sicherer als heute. Noch nie hatten Verbraucher eine derart große und gesunde Auswahl. Und noch nie standen Obst, Gemüse, Eier oder Fleisch so sehr unter Beobachtung.

    Es ist aber illusorisch zu glauben, man könnte jeden Lebensmittelskandal verhindern. Denn dafür gibt es zu viele Menschen, die Verbraucher bereitwillig und mit krimineller Energie täuschen. Und es gibt eben gleichzeitig zu viele Verbraucher, die sich bereitwillig täuschen lassen.

    Denn es ist der Kunde, der unablässig im Supermarkt nach Niedrigstpreisen sucht. An kaum einer anderen Sache spart der Durchschnittsdeutsche so sehr wie an seinem Essen. 600 Gramm Schweinefleisch für 1,99 Euro, zehn Eier für knapp unter einem Euro und der Liter Milch für weniger als 50 Cent – Einkaufen ist für viele immer auch die Jagd nach dem besten Schnäppchen.

    Aber Eier, Milch und Co. landen nicht durch Zauberhand im Regal. Landwirte müssen Futter kaufen und ihre Ställe instand halten, Fabrikbesitzer in neue Maschinen investieren, Zwischenhändler ihre Lastwagen betanken und die Fahrer bezahlen. All das kostet Geld. Wer nicht bereit ist, ordentliche Summen für seine Nahrungsmittel zu bezahlen, darf sich also auch nicht wundern, wenn die Hersteller alles tun, um die Kosten niedrig zu halten. Denn zur Wahrheit gehört auch: Billig kann ein tierisches Lebensmittel nur dann sein, wenn der Produzent an Haltung und Futter spart.

    Beim Essen geht es auch um das eigene Wohlbefinden

    Natürlich kann es sich nicht jeder leisten, teure Bio-Produkte zu kaufen. Vor allem Familien stöhnen über die wöchentlichen Supermarkt-Rechnungen. Viele Verbraucher aber hätten das Geld – und geben es dennoch für andere Dinge aus. Wie kann das sein – wo es doch letztlich auch um den eigenen Körper und das eigene Wohlbefinden geht?

    Die Antwort ist einfach: Viele Menschen haben den Bezug zur Lebensmittel-Produktion verloren. Sie wollen, dass ihr Essen immer und in großen Mengen verfügbar ist – ohne darüber nachzudenken, wo es eigentlich herkommt. All das führt dazu, dass aus wertvollen Nahrungsmitteln Alltagsprodukte werden, die ohne großes Nachdenken im Einkaufswagen landen – nicht anders als Seife, Zahnbürsten oder Toilettenpapier.

    Muss es jeden Tag ein Stück Fleisch auf dem Teller sein?

    Wer bessere, hochwertigere Nahrungsmittel will, der sollte deshalb ab und zu seinen Lebensstil hinterfragen: Muss es wirklich jeden Tag ein Stück Fleisch auf dem Teller sein? Reicht es nicht, nur jeden dritten Tag Wurst zu essen? Und ist das Glas Milch zum Frühstück nicht vielleicht doch ein paar Cent mehr wert?

    Denn eines ist klar: Solange der Kunde im Supermarkt weiterhin nur auf Schnäppchensuche ist, wird es keinen tief greifenden Wandel in der Lebensmittelbranche geben.

    Von Sarah Schierack red.politik@mainpost.de

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