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    Leitartikel: Verzagtheit bringt uns nicht weiter

    Deutschland ist ein reiches Land. Mit 6,3 Billionen Euro beziffert eine DIW-Studie das Nettovermögen der privaten Haushalte. Die Wirtschaft boomt. Es sind so wenige Menschen arbeitslos wie zuletzt 1991. Die Reallöhne steigen. Im zweiten Quartal dieses Jahres hatten die Arbeitnehmer 2,7 Prozent mehr zur Verfügung. Wir haben nach wie vor ein Gesundheitssystem, um das uns die ganze Welt beneidet. Und, und, und. . .

    Es gäbe reichlich gute Gründe, zuversichtlich 2016 zu erwarten. Doch was machen viele Deutsche kurz vor Jahreswechsel? Sie gehen ihrer Lieblingsbeschäftigung nach und jammern – auf höchstem Niveau. Erstmals seit längerer Zeit beschleicht eine Mehrheit der Bürger (55 Prozent) sogar wieder Angst bei dem Gedanken an das neue Jahr.

    Keine Frage: Die Aufnahme Hunderttausender Flüchtlinge ist für unsere Gesellschaft eine gewaltige Herausforderung. Die wachsenden Gräben in der EU sorgen ebenso für Verunsicherung wie die stete Terrorgefahr.

    Aber gehört es nicht zu unserem Alltag, mit Rückschlägen, Zumutungen und Schwierigkeiten konfrontiert zu werden und damit konstruktiv umzugehen? Nach Lösungen und Auswegen zu suchen? Wer hat je behauptet, es würde in Zukunft alles einfacher werden? Nein, es wird auch in 2016 anstrengend bleiben. Doch mit Verzagtheit und der Sehnsucht nach schnellen und einfachen Lösungen lassen sich die Probleme nicht aus der Welt schaffen.

    Der Puchheimer Professor Friedrich Maier hat kürzlich in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ in klugen, prägnanten Sätzen die Ängste vieler Deutscher im Zusammenhang mit der aktuellen Flüchtlingssituation treffend analysiert: „Wenn heute gesagt wird, Werte werden durch die Ankunft der Flüchtlinge beeinträchtigt, verfremdet oder gar entwertet, so sagen das meistens Leute, die kaum Kenntnis davon haben, welches diese Werte sind. Sie haben eher Angst um ihr eigenes Wohlbefinden und interpretieren ihre eigene Angst in eine vermeintlich vorhandene Wertewelt, die sie aber gar nicht mehr als solche kennen und anerkennen. Das heißt, diese Ängste, die da hochkommen, etwa dass unsere Tradition zugrunde geht, Europa überfüllt wird und das, was wir uns aufgebaut haben, kaputtgeht, sind eigentlich nur die Ängste um den Verlust der eigenen Wohlbefindlichkeit.

    Eine unbequeme Wahrheit, die viele Nörgler und Verschwörungstheoretiker lieber verdrängen. Sie verbarrikadieren sich stattdessen in der Komfortzone und basteln sich ihre eigene Wirklichkeit, frei nach dem Pippi-Langstrumpf-Motto: „Ich mach' mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt.“ Zu dieser kruden Welt gehören vor allem Verschwörungstheorien, Demagogie, Sündenböcke und Islamphobie. Ob etwas richtig oder falsch ist, wird nicht mehr an der Wirklichkeit überprüft. Richtig ist allein das, was der eigenen Gesinnung entspricht. Ein Verhalten, das an Selbstgerechtigkeit kaum zu überbieten ist.

    Ungeachtet dessen müssen Politiker sich natürlich ernsthaft Gedanken machen, wenn eine Mehrheit der Deutschen (56 Prozent) sie laut Umfragen für überfordert hält. Bundespräsident Joachim Gauck fordert zu Recht, „die Kommunikation zwischen Regierenden und Regierten neu zu beleben und die Beziehungen zwischen Politik und Bürgern durchlässiger zu gestalten“.

    Nur so lässt sich verlorenes Vertrauen in die Politik zurückgewinnen. Es geht dabei, wie es Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) in einem Interview formulierte, „um die grundlegende Überzeugung, dass es im Großen und Ganzen ordentlich, korrekt und gerecht zugeht. Und dass man sich auf das verlassen kann, was man von Personen und Institutionen erwartet. Vor allem auf das, was sie selber versprochen haben.“

    Freilich sollte man keine überzogenen Erwartungen hegen: Politische Prozesse und Entscheidungen werden in einer globalisierten Welt immer komplizierter und unübersichtlicher. Damit verbunden ist und bleibt die Gefahr, dass sich einzelne Bürger gelegentlich als ohnmächtiges Objekt anonymer Kräfte empfinden. Dagegen gibt es allerdings ein geeignetes Mittel: politische Bildung. Sie ist die Grundvoraussetzung für jegliche politische Beteiligung. Nur so kann Teilhabe wirklich gelingen. Dazu gehört selbstverständlich auch das hartnäckige Ringen um Positionen – sofern damit keine Denunziation des Andersdenken einhergeht.

    Der Rückzug ins Private, gepaart mit diffusen Ängsten, ist hingegen keine Lösung. Er führt allenfalls zu Frust und Isolation. Sie erzeugen den Gegenwind auf dem Weg ins Jahr 2016 – Mut und Entschlossenheit den Rückenwind.

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