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    WÜRZBURG

    Leitartikel: Weil ohne Frauen kein Staat zu machen ist

    Welches Urteil die Geschichte eines Tages über sie fällen wird, sei unseren Nachfahren überlassen. Doch ein Kapitel lässt sich schon heute skizzieren: Angela Merkel hat als erste Frau an der Spitze einer Bundesregierung einen Markstein gesetzt, der ohne Übertreibung mit dem Prädikat historisch versehen werden kann. Oder war sie als Kanzlerin eher ein politischer Betriebsunfall?

    Feststeht: Frauen in der Politik sind noch längst keine Selbstverständlichkeit. 55 Frauen sitzen in Bayerns neuem Landtag – und fast dreimal so viele Männer (150): Mit einem Frauenanteil von rund 26,8 Prozent ist das Maximilianeum männergeprägter als in den vergangenen 15 Jahren. Was für ein Rückschritt! Dabei gibt es mindestens drei gute Gründe, warum Frauen in die Politik sollten.

    Es ist das schnödeste Argument, aber vielleicht auch das bestechendste. Ein Parlament sollte den Anspruch an sich selbst haben, ein Querschnitt der Gesellschaft zu sein, dieser Prüfstein gehört zum herausragenden Narrativ der Demokratie. Einmal belehrte CDU-Chefin Merkel die Junge Union wegen des frauenlosen Bundesvorstands: „Schön männlich. Aber 50 Prozent des Volkes fehlen.“ Viele johlten, als die Kanzlerin noch einen draufsetzte: „Und ich sag? Ihnen: Frauen bereichern das Leben. Nicht nur im Privaten, auch im Politischen. Sie wissen gar nicht, was Ihnen entgeht.“

    Der Mut zum Geschlechterproporz fehlt bislang in der CSU

    Auch wenn sich nicht alle Politikerinnen automatisch als Feministin definieren oder sich für Frauenfragen engagieren, so ist es doch erwiesen, dass die politische Macht von Bevölkerungsgruppen ansteigt, wenn diese selbst in Entscheidungsprozesse eingebunden sind. Nicht umsonst legt eine Partei wie die CSU viel Wert auf Regionalproporz – der Mut zu Geschlechterproporz fehlt bislang. Natürlich ist der Umgang mit anderen Menschen keine Frage des Geschlechtes. Doch häufig sind es die Alphatiere des Politbetriebes, die den Takt vorgeben. Trump, Putin, Erdogan, Bolsonaro: Männliche Politik lebt von Machtsymbolen und Machtkämpfen, sie ist familienfeindlich, autoritär und bisweilen manisch. Und in dieses kneifende Korsett haben sich auch jene Männer zu fügen, die mit Machogesten nichts mehr anfangen können, die das Brüllen auf dem Affenhügel für Energieverschwendung halten.

    Politisches Handeln über das Streben nach Dominanz gestellt

    Frauen wie Barbara Stamm, Renate Schmid oder Herta Däubler-Gmelin mussten sich den Respekt mühsam erarbeiten, bloße Macht war nie ihr Ziel. Doch alle waren und sind beim Wähler auch deshalb hoch angesehen, weil ihr politisches Handeln über das Streben nach Dominanz hinausging. Der Berufsalltag macht es übrigens vor: Studien belegen, dass Unternehmen, die auch Frauen in die Führungsetage berufen, tendenziell erfolgreicher sind.

    Der französische Sozialist Charles Fourier schrieb, dass „der Grad der weiblichen Emanzipation das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation ist“. Ohne Frauen ist kein Staat zu machen, nicht umsonst hat der Faktor Gleichberechtigung einen wesentlichen Einfluss auf den Entwicklungsindex von Ländern. „Gender“ mag für manche ein Kampfbegriff sein, doch der Grad des Feminismus ist ein feiner Seismograf für eine Gesellschaft.

    Übrigens lohnt sich das auch für die Parteien: 1980 bei der Kanzlerkandidatur von Strauß und 2002 bei Stoiber gingen der Union viele weibliche Wählerstimmen verloren. Merkel hat maßgeblich dazu beigetragen, die CDU durch ihre Modernisierung als stärkste Partei zu etablieren, was sonst kaum einer bürgerlichen Partei in Europa derartig gelungen ist. Daran ändern auch die Ergebnisse der vergangenen Landtagswahlen nichts.

    Ihre Politik trug dazu bei, Frauen mehrheitlich für die Christdemokraten zu begeistern.

    Von Margit Hufnagel

    red.politik@mainpost.de

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