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    Masern-Impfpflicht überfällig

    Impfpass: Darin sind alle Impfungen dokumentiert. Wer seinen verloren hat, sollte sich im Zweifel nochmals piksen lassen. Foto: dpa

    In Berlin grassieren die Masern, die Zahl der Infizierten ist auf über 600 gestiegen und offenbart ein großes Dilemma: viel zu viele Menschen, Kinder und Erwachsene gleichermaßen, haben keinen Schutz gegen eine Krankheit, die laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) als weltweit gefährlichste Kinderkrankheit gilt, weil sie vor allem in den Entwicklungsländern die meisten Kinderleben fordert. Dort stirbt bis zu einem Viertel aller Masern-Infizierten vor allem an typischen Folgeerkrankungen wie Lungenentzündung und Hirnentzündung.

    Dass die Masern-Sterblichkeitsrate in Europa damit verglichen niedrig ist, liegt nicht daran, dass die Infektionskrankheit hier ungefährlicher wäre. Die Verfügbarkeit von Medikamenten ist kein Überlebensgarant, wie der Fall des kleinen Buben in Berlin zeigt, der der Krankheit erlag. Das Virus verbreitet sich rasend schnell. Ein Husten, ein Niesen genügt, um Menschen im unmittelbaren Umfeld anzustecken.

    Masern erkennt man als Laie nicht auf den ersten Blick. Fieber, Schlappheit, Entzündung der Atemwege – das sind auch die Anzeichen für andere Infekte und sie treten fatalerweise erst nach einer bis zu zwei Wochen dauernden Inkubationszeit auf. Erst der braunrote, fleckige Ausschlag auf der Haut schafft Gewissheit.

    Hierzulande könnten die Masern längst ausgerottet sein. Doch dafür bräuchte man eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent in der gesamten Bevölkerung. Erst wenn es in Deutschland pro Jahr nicht mehr als 82 Neu-Infizierte gibt, gilt das Land als frei von Masern. Doch von dieser Zahl ist die Bundesrepublik weit entfernt.

    Warum bloß will es einem hoch technisierten und reichen Land wie Deutschland nicht gelingen, die Masern per Impfung zu eliminieren? Es mangelt weder an Impfstoffen noch an Aufklärungskampagnen, geschweige denn an Ärzten. Warum haben wir dann ein klassisches Entwicklungslandproblem?

    Wer Kinder und junge Erwachsene an den Spätfolgen von Masern hat grausam leiden und sterben sehen, steht in unserem Land fassungslos vor einer dicken Wand, gemauert aus Ignoranz, Besserwisserei, Verschwörungstheorien gegenüber der Pharmaindustrie und auch aus Bequemlichkeit.

    Impfgegner berufen sich seit Jahren immer wieder auf Impfschäden wie Autismus und verweisen häufig auf Studien, die Mediziner und Wissenschaftler die Haare zu Berge stehen lassen. Aber nicht alles ist Humbug. Tatsche ist, es gibt Impfschäden, es gibt Menschen, die schlechte Erfahrungen mit Impfungen gemacht haben. Es geht hier aber einzig und allein um die Masern-Impfung – und gerade die ist gut verträglich.

    Die Impfgegner tun sich deshalb schwer damit, das Gegenteil zu beweisen. Unfair wird es, wenn all jene, die ihre Kinder, sich und andere schützen wollen, als von „der Pharmaindustrie gelenkte Mainstream-Deppen“ bezeichnet werden. Ihre gerne zur Schau gestellte Individualität sei diesen Kritikern unbenommen, aber nicht, wenn es um die gefährlichen und hoch ansteckenden Masern geht.

    Doch es wäre zu einfach, sich bei den mangelnden Impfzahlen nur auf Impfgegner zu berufen. So viele sind das nämlich auch wieder nicht. Insofern taugen auch die halbherzig geäußerten Argumente der Politiker nicht wirklich, die nun sagen, dass eine Impfpflicht aufgrund des harten Eingriffs in die Persönlichkeitsrechte und die im Grundgesetz verankerte körperliche Unversehrtheit des Einzelnen nicht wirklich in Betracht zu ziehen sei und nur ultima ratio sein könne. Sie fürchten eine Klagewelle und setzen lieber auf Aufklärung. Die ist grundsätzlich nicht verkehrt, aber eben offenkundig nicht wirkungsvoll. Denn das Problem Masern ist ja nicht über Nacht zu uns gekommen, sondern beschäftigt uns seit Jahren.

    Aber ein Problem, das Menschenleben fordert, das grundlos Schmerzen und Leid bringt, wo Schmerzen und Leid definitiv nicht sein müssten, das sollte man nicht aussitzen, sondern ihm deutlich begegnen. Und zwar nicht erst, wenn irgendeine Rekordzahl von Infizierten überschritten ist, sondern jetzt und unverzüglich.

    Wer wie in all den Jahren zuvor nur darauf hofft, dass auch diese Masern-Epidemie bald vorübergehen wird, der macht sich mitschuldig am Tod jedes weiteren Kindes, das an Masern in Deutschland im Jahr 2015 sterben muss. Das Argument, dass viel mehr Menschen hierzulande an Grippe sterben würden als an Masern, ist im höchsten Maße zynisch, denn das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

    Dass der Fokus der Öffentlichkeit sich nun von den Masern weg hin zu der in diesem Jahr besonders gefährlichen Grippe bewegt, ist normal, darf aber nicht davon ablenken, dass Masern im Gegensatz zur jährlichen Influenza ausrottbar sind. Die Mehrheit der Deutschen ist längst überzeugt von der Notwendigkeit einer Masern-Impfung, warum also nicht per Gesetz endlich Klarheit schaffen?

    Überdies ist es an der Zeit, sich auch mit den anderen Ursachen für die Impflücken zu beschäftigen. So hat die AOK in einer repräsentativen Studie festgestellt, dass es mit der sogenannten „Gesundheitskompetenz“ ihrer Versicherten nicht weit her ist. Viele wissen schlicht nicht, wie sie an Informationen kommen können, oder haben Probleme, diese zu verstehen.

    Das wiederum hat nichts mit Dummheit zu tun, denn es betrifft Akademiker genauso wie Menschen aus bildungsfernen Haushalten. Das erklärt, warum es trotz Aufklärungskampagnen und Warnungen noch immer so viele Menschen in Deutschland gibt, die nicht wissen, ob sie einen Impfschutz gegen Masern haben – oder der Einfachheit halber einfach darauf setzen, dass es sie oder ihre Kinder schon nicht erwischen wird.

    Ob Überzeugung, Unsicherheit oder Bequemlichkeit: Wer die Zeichen der Zeit nicht erkennt, sich weigert, zum Wohl der Gesellschaft mitzudenken und zu handeln, muss sich damit abfinden, dass ein anderer, nämlich der Staat, über ihn bestimmt. Nicht aus Willkür, sondern zum Schutz der gesamten Bevölkerung.

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