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    LEITARTIKEL

    Um die Heimat sollte sich jedes Ministerium kümmern

    Horst Seehofer in der Bundespressekonferenz vor der Unterzeichnung des Koalitionsvertrages. Foto: dpa

    Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet jetzt das Bundesinnenministerium um den Bereich „Heimat“ erweitert wird. Der Begriff erlebt seit einiger Zeit eine Renaissance. Von Heimat reden Menschen immer dann, wenn sie glauben, etwas von ihrer Heimat zu verlieren. Wenn sie um sie fürchten.

    Eine Gefühlslage, die in Zeiten der Schnelllebigkeit, der Globalisierung und nicht zuletzt des Zuzugs tausender Flüchtlinge nicht wenige kennen. Es ist auch kein Zufall, dass ausgerechnet Horst Seehofer den Chefposten im neuen Heimatressort für sich beansprucht hat. Der CSU-Vorsitzende weiß, wie wichtig es im Landtagswahlkampf für seine Partei werden kann, den Heimatbegriff bundesweit zu besetzen und nicht anderen zu überlassen. Doch was bringt ein Bundesheimatministerium den Bürgern? Nicht viel.

    Es hapert schon an der Begrifflichkeit. Will man danach ergründen, für was das neue Ressort zuständig sein soll, muss man Heimat definieren. Das fällt schon in Bayern schwer, wo es bereits seit 2013 angesiedelt am Finanzministerium ein Heimatressort gibt. Lösen bei einem Niederbayern fränkische Weinberge Heimatgefühle aus? Oder ist für einen Unterfranken das Bier der Oberfranken ein „Stück Heimat“? Eher nicht.

    Den Heimatbegriff zentralisieren oder reduzieren

    Noch diffiziler wird es aus der bundesweiten Perspektive. Fragt man im Ausland lebende Deutsche, was ihnen am meisten aus ihrer Heimat fehlt, bekommt man immer wieder dieselbe Antwort: das gute deutsche Brot. Eine Backware als ein Stück Heimat. Und sonst? Vom Rauschen der Nordsee über Kohlezechen im Ruhrpott und Schnitzereien aus dem Erzgebirge bis hin zum Alpenglühen – Heimat ist ein dehnbarer Begriff. Und ein sehr subjektiver.

    Ein Bundesministerium für Heimat müsste aber für das zuständig sein, was für alle Bundesbürger Heimat bedeutet. Die Lösung? Eine Zentralisierung des Heimatbegriffs, die aber den im Kern individuellen Heimatbegriff ins Gegenteil verkehren würde? Oder eine unbefriedigende Reduzierung der „Heimat“ auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: Das Staatsgebiet der Bundesrepublik vielleicht?

    Konkret wird auch die CSU nicht. „Heimat heißt: zu Hause sein, zu Hause bleiben und sich zu Hause fühlen“, erklärte Bayerns Heimat- und Finanzminister Markus Söder in seiner Regierungserklärung 2014. Das Ziel seines Ministeriums, der Blaupause für Seehofers neues Ressort: „Gleichwertige Lebensverhältnisse im ganzen Freistaat.“ Seehofer formulierte nun den Anspruch für das bundesdeutsche Pendant nahezu identisch: Ihm gehe es „um gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Regionen“. Wozu es hierfür – in Bayern und im Bund – ein extra Ressort braucht, bleibt unbeantwortet. Sollte sich nicht jedes Ministerium in seinem Bereich um die Belange der Heimat kümmern? Um „gleichwertige Lebensverhältnisse“ in Sachen Sicherheit, Infrastruktur oder Arbeitsmarkt?

    Wenn die Heimat wankt, muss sich die Politik kümmern

    Es drängt sich der Verdacht auf, dass der Begriff „Heimat“ im Namen der Ministerien nicht mehr ist als ein Etikett. Und Markus Söder erkannte als erster dessen Potenzial. Umgehend eröffnete er eine Außenstelle des Heimatministeriums in Nürnberg. Geld floss in abgehängte Gegenden (dafür hätte er auch als Finanzminister sorgen können). „Heimatpreise“ für Brauchtumspflege nach dem Gießkannenprinzip wurden verliehen, danach Hände geschüttelt und immer wieder die Wohltaten seines Ministeriums betont – das schafft Volksnähe. Das vermittelt Heimatverbundenheit. Das zahlt sich aus.

    Die Botschaft, die transportiert werden soll, ist einfach: Wenn die Heimat – deren Bedeutung 90 Prozent der Deutschen in einer Umfrage von 2015 als „wichtig“ oder „sehr wichtig“ bezeichneten – aus der Sicht vieler ins Wanken gerät, muss die Politik das unzweideutige Signal senden, dass sie sich um sie kümmert. Eine Rolle, in der sich die CSU mit ihrer „Dahoam is dahoam“-Mentalität immer gefiel und die ihr vor allem von der AfD zuletzt streitig gemacht wurde. Bis zum Landtagswahlkampf will die CSU auf ihrem heimischen Themengebiet wieder alleine den Ton angeben.

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