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    WÜRZBURG

    Was ist ein begründeter Sachbezug?

    Unsere Meldung „Fünf Mädchen unsittlich berührt“ hat bei Lesern dieser Zeitung, aber auch bei Nutzern unseres Online-Portals mainpost.de sowie in den sozialen Netzwerken zu kontroversen Diskussionen geführt. In einem Würzburger Schwimmbad soll ein 21-Jähriger eine Frau und fünf Mädchen unsittlich berührt haben. Der Tatverdächtige konnte festgenommen werden. Gegen ihn wurde Haftbefehl erlassen. Soweit der Sachverhalt.

    Zahlreiche Leser, wie Peter Komenda aus Waldbüttelbrunn, haben der Redaktion daraufhin vorgeworfen, wir hätten nicht, wie andere Medien, „Ross und Reiter genannt“. Denn, so Komenda, „der 21-Jährige war ein Afghane, dies ist Ihrem Bericht leider nicht zu entnehmen“. Er fragt deshalb, wie andere Kritiker ebenfalls, ob „dies etwas mit objektiver Berichterstattung zu tun“ hat. Komenda: „Insoweit reihen Sie sich nahtlos in die ,Lückenpresse' ein. Eine solche Vorgehensweise führt auch nicht zu besserer Integration, sondern immer mehr zum Vertrauensverlust der Bevölkerung in die Medien – und das völlig zu Recht!“

    Warum hat die Redaktion im vorliegenden Fall darauf verzichtet, die Nationalität des Mannes zu nennen? Weil wir überzeugt sind, dass seine Herkunft nichts Wesentliches zur Sache tut. „Deshalb finde ich zurecht, dass hier außen vor gelassen wurde, welcher Herkunft bzw. welcher ethischen Gruppe der Straftäter ist/angehört. Straftäter ist Straftäter, ob Deutscher, Australier oder Afghane, ob Moslem, Jude oder Christ“, bringt es unsere mainpost.de-Nutzerin „Tasdebo“ auf den Punkt.

    Zugegeben: Seit den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln ist die Verunsicherung in Redaktionen, auch in unserer, noch ein Stück gewachsen. Denn die Medien stecken in einem Dilemma, wenn es darum geht, ob sie die Nationalität oder Religionszugehörigkeit eines mutmaßlichen Straftäters nennen sollen oder nicht. Tun wir es aus guten Gründen nicht, wirft man uns vor, wichtige Sachverhalte zu verschweigen und dadurch einmal mehr den Verdacht der „Lügenpresse“ zu nähren. Gerne zitieren Leser in diesem Zusammenhang den renommierten Medienforscher Horst Pöttker.

    Dieser gibt Journalisten zu bedenken, sie seien keine Pädagogen und sie müssten sich vor allem von der Vorstellung verabschieden, „dass das Publikum nicht mündig ist, dass es Vorurteile hat und mit Informationen nicht umgehen kann“.

    Nennen wir andererseits Nationalität oder Religionszugehörigkeit ohne überzeugende Begründung, widerspricht dies nicht nur unserem ethischen Selbstverständnis. Wir liefern damit zugleich jenen Lesern Wasser auf die Mühlen, die darin eine Diskriminierung sehen und sich an den Deutschen Presserat wenden. Dieser ist eine freiwillige, unabhängige Einrichtung der deutschen Presse. Zu deren Aufgaben gehört es, Missstände im Pressewesen festzustellen und auf deren Beseitigung hinzuwirken sowie Beschwerden über einzelne Zeitungen, Zeitschriften oder Pressedienste zu prüfen und in begründeten Fällen Missbilligungen und Rügen auszusprechen.

    Der vom Presserat erarbeitete Pressekodex sowie unsere Journalistischen Leitlinien sind mit ihren hohen handwerklichen und ethischen Standards das Fundament für unsere tägliche Arbeit. Jeder kann sie im Internet nachlesen und unser journalistisches Wirken daran messen. Zu unserem publizistischen Grundverständnis gehört es, die Wirklichkeit korrekt abzubilden. Wir bemühen uns, sämtliche Tatsachen zu berücksichtigen, die für das Verständnis eines Sachverhaltes relevant sind. Ganz wichtig: Wir verbreiten nur Informationen aus zuverlässigen Quellen und nennen diese auch. Gleichzeitig lehnen wir jede Form von Manipulation oder Verzerrung der Wirklichkeit ab. Unsere Informationen beschaffen wir auf rechtlich zulässige und ethisch korrekte Art und Weise.

    Ethisch korrekt im Sinne unserer Leitlinien ist es, gemäß Richtlinie 12.1 Pressekodex zu verfahren, die Minderheiten vor Vorurteilen schützen soll. Dort heißt es, dass ein „begründeter Sachbezug“ zur Straftat bestehen muss, wenn wir in unserer Berichterstattung erwähnen, dass der Täter oder Verdächtige einer religiösen, ethnischen oder anderen Minderheit angehört. Genau diesen begründeten Sachbezug haben wir im Falle des 21-Jährigen, der eine Frau und fünf Mädchen unsittlich berührt haben soll, nicht gesehen und folgerichtig seine Nationalität nicht genannt.

    Anders wäre es beispielsweise, wenn es um Streitigkeiten unter verschiedenen Ethnien geht oder um Fahndungen. Dann ist es sogar wichtig, die Herkunft zu erwähnen.

    Die Richtlinie 12.1. ist weder Gesetz noch Gängelung und schon gar kein Maulkorb. Der Kodex gibt lediglich Handlungsorientierungen. Diese lassen den Redaktionen ausreichend Spielraum, um in jedem einzelnen Fall zu einem eigenen Urteil und zu einer eigenen Entscheidung zu kommen.

    Für Redaktionen bedeutet dies jeden Tag aufs neue, verantwortungsbewusst abzuwägen: Was ist ein begründeter Sachbezug und ist er im vorliegenden Fall gegeben? Wie können wir vermeiden, in die Falle von Diskriminierung und Verdachtsberichterstattung zu tappen? Wie gehen wir mit Gerüchten in den sozialen Netzwerken um? Aufgreifen und nachrecherchieren oder von vornherein als offenkundigen Humbug ignorieren? Doch egal, wie wir uns entscheiden – wir sitzen so oder so in der Zwickmühle. Auf der einen Seite werden wir konfrontiert mit der Sorge, möglicherweise Ressentiments zu schüren, auf der anderen, an Glaubwürdigkeit bei Lesern einzubüßen.

    Kai Gniffke, der Chef von „ARD-aktuell“, hat dieses Spannungsverhältnis so beschrieben: „Was nützt uns regelkonformer Journalismus, wenn uns niemand mehr glaubt? Schwierig wird es, wenn die Polizei im Netz mehr veröffentlicht, als die Medien berichten. Wir sind eben nicht mehr die alleinigen Gatekeeper, die darüber befinden, was die Leute erfahren. Damit müssen wir umgehen.“

    Ja, damit müssen wir umgehen. Jeden Tag aufs Neue. Und natürlich ist die Frage berechtigt, welchen Sinn es macht, die Herkunft eines Täters oder Verdächtigen nicht zu nennen, wenn man sie anderswo, vielleicht sogar auf der Homepage der seriösen Quelle Polizei, ohnehin frei Haus geliefert bekommt?

    Für unsere Redaktion ist die Antwort darauf klar und eindeutig: Unsere Leitlinien wie auch Ziffer 12.1 des Pressekodex bleiben weiterhin die maßgebliche Richtschnur unseres Handelns. Wir werden, wie bereits in der Vergangenheit, genau und sorgfältig prüfen, ob bei Straftaten ein begründeter Sachbezug vorliegt, der die Nennung von religiösen oder ethnischen Angaben erforderlich erscheinen lässt. Ist dies der Fall, machen wir diese Angaben selbstverständlich. Da, wo es unerheblich erscheint, wiegt der Schutz von Minderheiten schwerer.

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