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    Berlin

    Kommentar: Die Politik sollte die Wissenschaft ernst nehmen

    Die Politik hat neuen Respekt vor den Fakten bekommen und wir haben gelernt, schnell mit Veränderungen umzugehen. Doch was bedeutet das für die Zeit nach der Krise?
    Kann die Corona-Pandemie Vorbild für die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik werden? Blick in ein Labor von Virologen. 
    Kann die Corona-Pandemie Vorbild für die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik werden? Blick in ein Labor von Virologen.  Foto: Arne Dedert, dpa

    Selten war die Kunst des Politischen so eng mit der Wissenschaft verknüpft wie in Zeiten der Pandemie. Politiker suchen den Rat von Virologen, Epidemiologen und ganzen Wissenschaftsgremien wie der Leopoldina. Aus diesem Dialog entstehen Handlungsanweisungen. Das Verhältnis von Politik und Wissenschaft hat sich ebenso stark geändert wie unser aller Leben. 

    Welche Lehren können wir daraus ziehen? Lässt sich der neue Umgang der Politik mit wissenschaftlichen Fakten auch auf andere Themen übertragen? Auf Politikfelder, die für die Zukunft genauso wichtig sind wie die Bewältigung der Corona-Krise?

    Respekt vor den Fakten würde auch anderen Themen gut tun

    Themen gäbe es genug: Klimawandel, Umweltschutz, Mobilitäts-  und Energiewende, demographischer Wandel, Digitalisierung, Flüchtlingsbewegungen oder die Neuordnung der Europäischen Union. Alles Themen, für die es längst wissenschaftliche Erkenntnisse und Modelle gibt. Doch nur wenige sind bislang in der Politik bearbeitet worden. 

    Der neue Respekt vor den Fakten würde auch diesen Themen gut tun. Gefährlich aber wird es, wenn  unsere Demokratie einer Expertokratie weicht. Die Frage, ob die Besten, Klügsten und Weisesten ein Volk regieren sollen, beschäftigt die politischen Denker, seit es sie gibt. Schon Platon forderte etwa, dass Philosophen den idealen Staat regieren sollten. Demokratisch wäre das nicht.

    Dennoch haben auch die demokratische Politik und die Wissenschaft vieles gemeinsam: Beide leben von einer bunten Vielfalt an Ideen. In beiden Disziplinen gibt es unterschiedliche, ja sogar gegensätzliche Ansichten. Und für welche man sich entscheidet, muss gut begründet werden.  

    Doch es gibt auch Unterschiede. Die Politik sucht im Idealfall nach dem Gemeinwohl, das zu fördern ihre vornehmste Aufgabe ist. Daran wird sie in einem demokratischen Staat gemessen. Das Volk entscheidet letztlich, ob dies gut gelungen ist oder welchen Amtsinhabern sie es künftig mehr zutraut. Derartige Mehrheiten in der Bevölkerung brauchen Wissenschaftler nicht, für sie ist es völlig ausreichend, wenn die Mehrheit ihrer Fachkollegen ihrem Ansatz folgen und die Fakten stimmen.    

    Trotzdem funktioniert die Zusammenarbeit in der aktuellen Krise. Was auch daran liegt, dass sie öffentlich stattfindet. Nicht nur Politiker, auch die Bevölkerung hat einen großen Respekt vor den  Deutungen und Folgerungen der Wissenschaftler. Das stärkt das Vertrauen in die Entscheidungen.  

    Werte der Politik und Wissen der Experten

    Man stelle sich vor, Klimaforscher würden bei der Bekämpfung des Klimawandels ernst genommen werden, oder Wirtschaftswissenschaftler, Verkehrsplaner und Psychologen bei der Planung der Verkehrswende. Längst liegen wissenschaftlich fundierte Regeln einer gerechten Flüchtlingsverteilung in Brüsseler Schubladen. Ebenso logisch und schlüssig wie die Vorschläge zur Unterbrechung der Infektionskette einer Corona-Pandemie.   

    Doch umgesetzt werden sie nicht, weil der Mut zur Umsetzung fehlt. Veränderungen und Erneuerung haben es in der Demokratie schwer. Wissenschaftler können da mutiger sein. Doch in der Corona-Krise wurde uns die Veränderung einfach aufgedrückt: Homeoffice, Homeschooling, digitale Meetings. Das alles hätten wir uns in so kurzer Zeit nicht zugetraut. Und die Politik hätte es uns nicht zugemutet.

    Politik greift gerne zu bewährten Rezepten von gestern für die Herausforderungen von morgen. Wir  neigen selbst dazu, weil jede Veränderung zunächst sehr unbequem sein kann. Aktuell lernen wir jeden Tag, dass es selbst unter widrigen Umständen auch anders funktioniert.     

    Diese Lehre sollten wir uns für bessere Zeiten bewahren. Das gelingt, wenn die Werte der Politik und das Wissen der Experten besser zueinander finden.

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