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    LESERANWALT

    Besser erklären, wie eine Geschichte entstanden ist

    NewsdeskAktuelles am 9. Mai 2017
    Die Arbeit von Journalisten soll transparenter werden. Der Beitrag ist illustriert mit einem Blick auf auf einen Teil des Newsdesks Aktuelles der Main-Post in Würzburg. Dort entstehen die überregionalen Seiten für mehrere Zeitungen. Foto: Sahlender Foto: Anton Sahlender
    Zunehmend wird Transparenz im Journalismus eingefordert. Erst in meinem letzten Beitrag habe ich hier geschrieben, dass die Mainzer Journalistikprofessoren Tanjev Schultz und Oliver Quiring die Medien aufgefordert haben, besser zu erklären, wie sie arbeiten, weil das viele Menschen nicht wissen.


    Was sich Lesern erschließen sollte

    So meine ich, dass sich Lesern erschließen sollte, wie und warum ein Beitrag entstanden ist. Gelegentlich ist es wichtig, zu wissen, was hinter der Person steckt, die ihn geschrieben hat. Mitunter tut die Erklärung der journalistischen Vorgehensweise und der dafür geltenden Regeln not. Das hilft bei der Einordnung und spricht für Glaubwürdigkeit. Vor allem: In erhöhter Quellenklarheit liegt eine der Chancen für seriöse Medien. Es ist die Unterscheidung von der Masse unprofessioneller Absender, die die Welt mit Informationen überschwemmt.
    Ein Beispiel für Durchschaubarkeit liefern die Erklärungen zu Beiträgen, die mit dem Theodorf-Wolff-Preis des Bundesverbandes der Zeitungsverleger ausgezeichnet wurden. Ganz so ausführlich wie bei der Preisvergabe muss es freilich bei den den Zeitungen nicht sein. Aber der Weg zu mehr Durchschaubarkeit wird gut vorgezeichnet. Hier erfahren Leser vom Autor, worum es ihm geht, wie die Idee entstand, wie recherchiert worden ist, welche Herausforderungen es gab und wer Unterstützung gewährt hat.
     

    Mehr Wissen und Vertrauen

    Doch die Chance redaktionelle Arbeit durchschaubarer zu machen, wird insgesamt zu wenig genutzt – auch in den Angeboten dieser Zeitung. Zwar sind die Profile ihrer wichtigsten Autoren zumindest digital hier jeweils abrufbar. Sie müssen lediglich auf das Bild der Autorin oder des Autors klicken. Aber das reicht zuweilen nicht. Doch keine Angst vor zu viel Aufwand: Das Mehr an Informationen zur Entstehung ist nur bei wenigen Beiträgen sinnvoll: bei jenen, die aus der Routine alltäglicher Berichterstattung herausfallen. Das können analytische Meinungsbeiträge oder außergewöhnliche Reportagen sein. Erklärungen dazu lassen bei Lesern mit dem Wissen über Medien und Journalismus das Vertrauen wachsen.
     

    "Niveau Regenbogenpresse"

    Dazu ein einfaches Beispiel: Im Wochenendteil (6. Mai) erschien eine umfangreiche Reportage. Titel: "Hochzeits-Fieber: Einmal Prinzessin ganz in Weiß". "Freunden" auf Facebook habe ich sie mit einem dicken Lob empfohlen. Die Folge: "Niveau Regenbogenpresse", wetterte ein "befreundeter"Nutzer dagegen. Ein anderer schimpfte, dass man für das damit bedruckte Papier keinen Baum hätte opfern dürfen. Vom Kleiderkauf, über Blumenplanung bis zum Jawort war die Braut begleitet worden.
    Für die Kritiker war solche journalistische Mühe in diesem Fall überflüssig. Aber es gibt bekanntlich nicht nur Kritiker. Es gab auch Zustimmung.  Die Interessenslagen von Nutzern und Lesern sind eben sehr unterschiedlich. 
     

    Diese Braut wäre nicht vermisst worden

    Zugegeben: Niemand hätte die unterhaltsame, mit Informationen zum Heiraten angereicherte Erzählung der Vorbereitungen einer Braut (sie Kopien der Zeitungsseiten) vermisst, wäre sie nicht erschienen. Gerade weil das so ist, wäre es nicht schlecht gewesen, dem Beitrag mitzugeben, warum er trotzdem in der Zeitung so auffällig und opulent verbreitet wurde. Im digitalen Angebot stört ihr Umfang kaum. Da spielt Platzbedarf eben keine Rolle. Und wer solche Beiträge nicht lesen mag, klickt sie nicht an.

    Einmal Prinzessin ganz in Weiß - Main-Post 6. Mai 2017
    Erster Teil der Geschichte einer Braut, die ihren Platz in der Zeitung braucht. Unterhaltung gehört zur Pressefreiheit. Aus der Main-Post vom 6. Mai 2017.
    Braut-Geschichte vom 6. Mai 2017, 2. Teil
    Zweiter Teil der Braut-Geschichte, die am 6. Mai 2017 im Wochenendteil der Main-Post veröffentlicht war. Hochzeiten sind bekanntlich ein beliebter Lesestoff.







     

    Unterhaltung gehört zur Pressefreiheit

    Eine Erklärung für den Beitrag liefere ich hier speziell für Zeitungsleser. Schließlich sind die auch im Net reichlich unterwegs. Gelegenheit hatte ich nicht, zuvor mit der Autorin über ihre Intentionen zu sprechen:
    Heiraten ist ein beliebtes Thema. Es gehört zum Angebot jeder Zeitung. Wenn die Informationen dazu unterhaltsam und sehr menschlich vermittelt werden, wird das für LeserInnen leichter verdaulich. Das gilt ohnehin für die meisten Themen. Da kann man zu dem Prinzessinnen-Streben der beschriebenen Braut stehen wie man mag. Es ist gut, dass Unterhaltung zur Pressefreiheit gehört. Dafür bedarf es keiner Tragweite. Wäre diese Braut-Erzählung nicht gewesen, hätte es eines anderen unterhaltsamen Beitrages bedurft. An einer Zeitung, in der es daran mangelt, haben Leser wenig Freude. Das gilt kaum weniger für ihre digitalen Nutzer.

    Einige frühere Leseranwalt-Kolumnen, die diesen Beitrag ergänzen können.
    Wie ein Leser auf den Tod eines Schoßhündchens von Paris Hilton regiert hat
    Journalistische Recherchen in Internet-Netzwerken (aus 2012)
    Über das was auf der Titelseite einer Zeitung stehen soll, lässt sich trefflich diskutieren (aus 2013)
    Von einem Mann, der nicht mit schlechten Nachrichten ins Bett gehen will

    Anton Sahlender, Leseranwalt

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