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    WÜRZBURG

    Das falsche „Gefällt mir“ in der Überschrift missfällt auch in Gänsefüßchen

    Leseranwalt
    Leseranwalt Anton Sahlender.

    Und Überschriften sollen zum Lesen reizen. Ist es doch schlecht, wenn wichtige Nachrichten wegen einer schwachen Schlagzeile überblättert werden. Folglich verwenden Journalisten oft sogenannte Reizworte, nach dem Motto, wo „Tarzan“ drinnen ist, sollte auch „Tarzan“ draufstehen. „Tarzan“ ist im übertragenen Sinne meist ein Prominenter, ein aktuelles oder emotionales Thema. Aber in Reizworten lauern auch Gefahren.

    So komme ich auf eine aktuelle Kritik zurück. In der Ausgabe vom 2. Mai (Seite 9) lautet eine Schlagzeile, Geistlichem „gefällt“ Pornoseite. In der kleineren Unterzeile darunter liest man: Ein Mann der Kirche ist womöglich in eine Spam-Falle getappt. „Spam“ steht für unerwünschte digitale Nachrichten oder Vorgänge.

    Ein Kritiker aus Kirchenkreisen fragt mich, ob die Schlagzeile nicht das Opfer zum Täter macht? Tatsächlich beschreibt der Beitrag selbst unmissverständlich nur das, was die Unterzeile der Schlagzeile aussagt: Der Geistliche war im Internet-Netzwerk Facebook womöglich auf eine pornografische Seite geraten, auf der man mit einem geklickten „Gefällt mir“ seinen Gefallen anzeigen kann. Das hat der Kirchenmann, für den das überaus peinlich wäre, nach eigenem Bekunden nicht getan. Experten bestätigen, dass man sich ungewollt ein solches „gefällt mir“ unter seinem Namen einfangen kann, wie es dem Geistlichen wohl widerfahren ist. Diese Gefahr verdeutlicht der Bericht, der andere Facebook-Nutzer auch warnen soll.

    Auf diesen Nutzwert setzt die Schlagzeile aber nicht, stattdessen mehr auf einen skandalisierenden Aspekt, obwohl es den so nicht gibt. Das missfällt auch mir, weil so aus dem Geistlichen wirklich leicht ein Täter werden kann. Nicht nur bei flüchtigen Lesern konnte das „gefällt“ in der Überschrift trotz Gänsefüßchen als belastender Fakt ankommen, umso mehr, wenn sie von Facebook keine Ahnung haben. Mit den Gänsefüßchen wollte die Redaktion aber signalisieren, dass dieses „gefällt“ nicht wörtlich zu nehmen ist. Für eine solche Interpretation ist die An- und Abführung jedoch ungeeignet und in einer kurzen Überschrift nicht nachvollziehbar.

    Man könnte nun die Todsünde unterstellen, die Überschrift habe dem Beitrag eine verurteilende Tendenz mitgeben sollen. Genau das ist aber nicht der Fall. Solche Angriffsflächen hätte man bei dem sensiblen Thema vermeiden müssen.

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