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    Der Leseranwalt: Die kleine Freundlichkeit zwischen forschen Forderungen

    Seit Jahrzehnten, also schon vor dem Zweiten Weltkrieg, wird und wurde in unseren Familien Ihre Zeitung gelesen“, teilt uns gerade ein Leser mit. Es kann sein, dass er das Wohlgefallen einkalkuliert hat, mit dem die Redaktion solche Worte aufnimmt. Das gilt ebenso für seine folgenden: „Zur damaligen Zeit hat mein Vater gelegentliche Vorkommnisse mitgestaltet (berichtet), während meine Mutter die Zeitung unter die Leser brachte (Zustellerin).“ Schmunzeln lässt der Schreiber speziell die für Leserbriefe zuständigen Kollegen, weil er erklärt, dass ihn diese Vergangenheit zu einem Leserbrief veranlasst habe. Hat doch der Inhalt des Briefes, um dessen ungekürzte Veröffentlichung er bittet, keinen Bezug zu jener Familienhistorie.

    Was auch immer der Grund für die Zuschrift ist – sie wird tatsächlich abgedruckt. Allerdings nicht wegen der historischen Gemeinsamkeit in Sachen Zeitung. Der Leserbrief ist aktuell, kommt aber nicht ganz ohne Kürzung davon.

    Leseranwalt
    Bezahlen muss der Schreiber für die Veröffentlichung keinen Cent. Obwohl er, sogar unter Angabe seiner Kontonummer, anbietet, dass die Redaktion ihm „anfallende Unkosten bis 50 Euro abbuchen“ dürfe. Hier erliegt nun niemand der Versuchung, auf Kosten des freundlichen Mannes im nächsten Gasthaus eine Flasche öffnen zu lassen. Lieber nutze ich sein Angebot, um zu verdeutlichen, dass die Veröffentlichung von redaktionellen Beiträgen, also auch von Leserbriefen, nichts kostet. In diesem Bereich gibt es nichts Käufliches. Das sei den Zeitgenossen gesagt, die uns gelegentlich ebenfalls nach Preisen für Artikel fragen.

    Verleugnen mag ich nicht, dass sich Redakteure zwar nicht über solche Angebote, aber über seltene Freundlichkeiten freuen können, wenn sie sich dadurch auch nicht in ihrer Unabhängigkeit beeinflussen lassen. Das gilt freilich gleichermaßen für forsch vorgetragene Forderungen, mit denen Leser heute viel häufiger zur Sache kommen.


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